Rekord-Demonstrationen
Hunderttausende Atomgegner machen ihrer Wut Luft

Über 200.000 Menschen haben das Wochenende der Landtagswahlen zu Demonstrationen gegen Atomkraft genutzt. Derweil kritisieren Parteivertreter weiter die Politik der Regierung in Sachen Kernkraft.
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Berlin„Dies sind die bisher größten Anti-Atom-Proteste in Deutschland“, erklärten die Veranstalter der Kundgebungen in den vier größten deutschen Städten. Unter dem Motto „Fukushima mahnt - alle AKWs abschalten“ gingen am Samstag allein in Berlin über 100.000 Menschen auf die Straße. Vertreter von SPD, Grünen und Linken schlossen sich auch in Hamburg, München und Köln an. SPD-Chef Sigmar Gabriel sagte, die Demonstrationen zeigten, dass die Atom-Wende Kanzlerin Angela Merkel nicht abgenommen werde. In ihrer eigenen Partei war zum Wahltag in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg offener Widerspruch zu Merkels Kurs aufgebrochen: Der Wirtschaftsflügel der Union nannte die dreimonatige Stilllegung von Alt-Meilern übereilt.

CDU-Energie-Experte: Glaubwürdigkeit infrage gestellt

„In der Atomfrage wurde überhitzt eine Entscheidung getroffen, die unsere Glaubwürdigkeit infrage stellt“, sagte der Energieexperte Thomas Bareiß dem „Spiegel“. „Unsere bisherige Argumentation in der Kernenergie ist in sich zusammengebrochen.“ Unterstützung kam vom wirtschaftspolitischen Sprecher Joachim Pfeiffer: Wenn die Kernkraft vom Netz genommen werde, werde der Druck auf die Strompreise noch einmal drastisch zunehmen. Der FDP-Finanzexperte Hermann Otto Solms verwies auf die Rolle der Union: „Das Abschalten der Kernkraftwerke haben die Unions-Ministerpräsidenten durchgesetzt, die damit Fakten geschaffen haben.“ Dadurch sei der Eindruck entstanden, die Überprüfung der Meiler sei nicht ergebnisoffen.

Dem „Spiegel“ zufolge trifft auch die von Merkel eingesetzte Ethik-Kommission, die mit über die AKW-Zukunft entscheiden soll, auf Kritik. Sie soll von Ex-Umweltminister Klaus Töpfer mitgeleitet werden. „Es kann nicht sein, dass am Ende Töpfer mit seinen Bischöfen kommt und dem Parlament sagt, wie es das Atomgesetz zu ändern hat“, zitiert das Magazin einen namentlich nicht genannten Vertreter der Fraktionsspitze. Die Merkel-Kritiker wollten nun ein eigenes Beratergremium zusammenstellen.

Töpfer selbst sagte der „Bild am Sonntag“, man müsse aus der Atomtechnik so schnell wie möglich aussteigen: „Ein anderes Handeln wäre nicht verantwortlich.“ Er glaube zudem nicht, dass die sieben abgeschalteten alten Meiler wieder ans Netz gehen würden. Dagegen warnte BASF-Chef Jürgen Hambrecht, ebenfalls Mitglied in der Ethik-Kommission, vor übereilten Entscheidungen: „Wir können doch nicht einfach aussteigen und uns den Strom aus dem Ausland holen, der dort mit Kernkraft erzeugt wird, und uns dabei wohlfühlen, sagte er der „FAZ“.

Bereits am Freitag war Merkel von Ex-Kanzler Helmut Kohl vor einer „Rolle rückwärts“ gewarnt worden. Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) hatte laut eines internen Protokolls des Industrieverbands BDI die Atomwende auch mit den Landtagswahlen begründet und sie nicht rational genannt. Da das Protokoll an die Öffentlichkeit gelangt war, hatte BDI-Hauptgeschäftsführer Werner Schnappauf seinen Rücktritt erklärt.

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Mappus warnt vor höheren Preisen bei schnellem Atom-Ausstieg

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  • Dieser Protest ist der Beginn des grundsätzlichen Umdenkens weg vom Konsum und dem Fortschrittsglauben des immerwährenden Wachstums. Dann wird es wieder weniger Stress und Depressionen geben (3 Mio. Patienten allein in Deutschland). Die größte Bedrohung für eine Gesellschaft, die das Glück zur höchsten Maxime erklärt hat, ist ein wunschlos glücklicher Kunde: http://bit.ly/ejzn8w

  • Also ich habe da schon den dringenden Verdacht, dass Transport und Entsorgung nicht eingerechnet sind. Aber egal, zahlt ja eh der Staat.
    Durch genau diese Umstände ist ja die Kernenergie so billig. Die
    Folgekosten sind nicht dabei. Also kann meiner Meinung nach auch bei den AKWs von einer stark subventionierten Stromerzeugung gesprochen werden

  • Wie wirtschaftlich arbeiten AKWs?
    Wie berechnet sich die Wirtschaftlichkeit einschließlich
    - sicherem Transport
    zur
    - sicheren Entsorgung?

    Was bedeutet "langfristig" im Zusammenhang mit Wirtschaftlichkeitsberechnungen bei Nuklearenergie? Mehr als fünf Jahre oder entsprechend der Halbwertzeiten der "brennenden" Elemente?

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