Religion in der Schule
In Berlin tobt der Kulturkampf

Eine Bürgerinitiative will erreichen, dass das Fach Religion in Berlin von der ersten Klasse an gleichberechtigt mit dem Ethik-Unterricht an Schulen angeboten wird. Was sich anhört wie eine schnöde Verwaltungsentscheidung, hat sich in der Hauptstadt zu einem regelrechten Kulturkampf ausgewachsen. Am heutigen Sonntag können die Bürger entscheiden.

BERLIN. Kirchenfürsten sind heutzutage in der Regel friedlich gestimmte Menschen. Bischof Wolfgang Huber, Ratsvorsitzender der evangelischen Kirche in Deutschland, ist es an diesem Vormittag nicht. „Die derzeitige Rechtslage ist eine Verhöhnung der Schüler, die nachmittags um 16 Uhr zusätzlich Religion wählen sollen“, schimpft Huber. Dass sich der „rotrote Senat“ mit einer Anzeigenkampagne auf die Seite der Gegner des Volksbegehrens schlage, sei „politisch ein ernsthafter Skandal“.

Der Bischof sitzt im Hinterzimmer eines Berliner Lokals und wirbt für die Initiative „Pro Reli“. Sie streitet mit der Politik um den Religionsunterricht an Schulen. Ausgefochten wird der Kulturkampf mit so großen Worten wie „Freiheit“ und „Zwang“. Beiden Seiten geht es ums Grundsätzliche. Inzwischen beschäftigt der Streit sogar die Gerichte. Am Sonntag stimmen die Berliner ab.

Gegen den erbitterten Widerstand der Kirchen hatte der Senat 2006 den verpflichtenden Ethik-Unterricht eingeführt. Derzeit müssen ihn alle Schüler von der siebten bis zur zehnten Klasse besuchen. Wer freiwillig Religion belegen will, kann dies zusätzlich tun. Seitdem ist die Zahl der Schüler im Religionsunterricht nach Angaben der evangelischen Kirche um ein Drittel auf 114 000 gesunken. Rückläufig war sie jedoch schon zuvor. Wenn „Pro Reli“ am Sonntag gewinnt, könnten sich Schüler künftig zwischen Religion oder Ethik entscheiden.

Für „Pro Reli“ setzt sich neben den christlichen Kirchen die chronisch einflusslose Hauptstadt-CDU ein. Prominente Unterstützer strahlen von 500 Groß-Plakatwänden in der Hauptstadt, darunter Moderator Günther Jauch und Hertha-Kapitän Arne Friedrich. Auf der gegnerischen Seite steht ein buntes Bündnis aus SPD, Linkspartei, Grünen und etwa der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Bestseller-Autor Bernhard Schlink („Der Vorleser“) äußert sich kritisch zu „Pro Reli“, der rot-rote Senat kämpft gegen das Volksbegehren.

Doch im Grunde verlaufen die Fronten jenseits der Parteilinien. SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier und Parteivize Andrea Nahles unterstützen „Pro Reli“, Gesine Schwan, die mit Hilfe der SPD Bundespräsidentin werden möchte, macht sich für das Pflichtfach Ethik stark. Türkische Vereine engagieren sich auf beiden Seiten.

Plakate säumen die Straßen der Hauptstadt, in Fernsehdiskussionen werden Argumente ausgetauscht, in Nachbarschaftshäusern erregte Debatten geführt. Doch zur Aufklärung tragen nicht alle bei. „Nein zum Wahlzwang“ fordert das unter anderem von der Linkspartei unterstützte Bündnis „Pro Ethik“. Das ist zumindest missverständlich – bislang müssen ja gerade jene, die Religion belegen wollen, zwangsweise zusätzlich Ethik besuchen.

Die Hürden für einen Erfolg von „Pro Reli“ sind hoch. Der Volksentscheid gilt als angenommen, wenn die Mehrheit der Teilnehmer und zugleich mindestens ein Viertel der 2,45 Millionen wahlberechtigen Berliner – also 612 000 Wähler – mit Ja stimmen. An diesem 25-Prozent-Quorum war vor einem Jahr der Volksentscheid über den Flugbetrieb im Oldieflughafen Tempelhof gescheitert.

Für „Pro Reli“ wird es noch schwieriger. Mehr als 60 Prozent der Berliner sind nicht konfessionell gebunden, Christen in der Minderheit – in vielen Ost-Bezirken wirkt das DDR-Erbe nach. Zudem hätten sich die Wertekoordinaten „weit nach links“ verschoben, sagt der Berliner CDU-Chef Frank Henkel. „Sieben Jahre rot-rot haben ihre Spuren hinterlassen.“ Wie der „Pro Reli“-Vorsitzende Christoph Lehmann, ein Rechtsanwalt, der ebenfalls der CDU angehört, kritisiert Henkel die „massive Beeinflussung“ durch den Senat. Eine „notwendige Wertedebatte“ ende so im politischen Kleinklein.

Im Tempodrom, einer Halle in Kreuzberg, trommeln die „Pro-Reli“-Gegner. Schüler einer portugiesisch-deutschen Grundschule führen Samba-Rhythmen auf. „Wir nehmen uns die Freiheit und werden Pro Reli stoppen“, prangt auf dem Banner über der Bühne. Die Moderatorin bittet Walter Momper, den SPD-Politiker, ans Mikrophon. „Argumente für die Agitation“ soll er liefern.

Und der einstige Regierende Bürgermeister und jetzige Präsident des Abgeordnetenhauses liefert. Indem „Pro Reli“ die Menschen zwingen wolle, zwischen Religion und Ethik zu entscheiden, „soll die Wahlfreiheit gerade abgeschafft werden“, sagt er. Als „Vertreter der Glaubensgemeinschaften“ plaudert später ein Berliner Buddhist über seine Lebensphilosophie, eine türkischstämmige Rapperin dröhnt mit Sprechgesang.

In der Multi-Kulti-Stadt sei es wichtig, dass allen Jugendlichen unabhängig von der Konfession ein gemeinsames Wertegerüst gelehrt werde, so die Pro-Ethik-Anhänger. Ethik war unter dem Eindruck des „Ehrenmordes“ an einer jungen Türkin auf den Stundenplan gesetzt worden. SPD-Bürgermeister Klaus Wowereit meint, wer zusätzlich Religion belegen will, könne das hinkriegen – und rückt die Beschäftigung mit Gott und Bibel auf das Niveau einer mehr oder weniger sinnvollen Freizeitangelegenheit: „Wenn die Eltern es schaffen, ihre Kinder zum Ballettunterricht zu bringen, dann werden sie es wohl noch schaffen, dass sie aus Überzeugung zu ihrem Glauben stehen und in den Religionsunterricht gehen.“

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