Rente mit 69
Ökonomen fordern nachhaltige Rentenlösung

Angesichts der Debatte um die Rente mit 69 haben Rentenexperten ein nachhaltiges Alterssicherungssystem gefordert. Doch wann dies in Angriff genommen werden soll, darüber gehen die Meinungen der Experten auseinander.

DÜSSELDORF. „Die Politik weigert sich beharrlich, die absehbaren Finanzierungsengpässe bei der gesetzlichen Alterssicherung zur Kenntnis zu nehmen“, sagte Hilmar Schneider im Gespräch mit Handelsblatt.com. Darin sieht der Direktor für Arbeitsmarktpolitik am Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) sogar ein „Problem von Verfassungsrang“. Der Rentenexperte Axel Börsch-Supan forderte eine Formel, die das Rentenalter an die Lebenserwartung knüpft. „Dann wären solche Diskussionen überflüssig“, meint der Direktor des Mannheimer Forschungsinstituts für Ökonomie und Demographischen Wandel an der Universität Mannheim. Den Vorschlag einer solchen Rentenformel habe er bereits 2002 in die Rürup-Kommission eingebracht. Die Gewerkschaften hätten ihn aber abgelehnt, weil sie das Rentenalter konstant lassen wollten. „Rentenpolitik braucht eine langsame und behutsame Anpassung an neue Realitäten - weder starre Altersgrenzen oder ewige Garantien noch große Hüpfer“, sagte Börsch-Supan.

Die Bundesbank hatte in ihrem Monatsbericht zur Rentenpolitik auf eine Modellrechnung des EU-Ausschusses für Wirtschaftspolitik verwiesen und vorgerechnet, dass eine weitere Anhebung des gesetzlichen Rentenalters auf 69 Jahre bis 2060 notwendig sei, weil die Lebenserwartung weiter zunehmen dürfte. Der Anstoß hatte einen Sturm der Entrüstung ausgelöst.

IZA-Direktor Schneider kritisierte, dass sich die Politik nur am kurzfristigen Wahlerfolg orientiere, während die Probleme der Alterssicherungssysteme langfristiger Natur seien. „Die nachhaltige Lösung langfristiger Probleme wird systematisch unterlassen, um den kurzfristigen Wahlerfolg nicht zu gefährden“, sagte Schneider. Das politische System bestrafe Politiker, die sich für eine langfristige Sicherung der Altersvorsorge einsetzten, weil die damit verbundenen Lösungen akut unbequem seien. „Es gibt außerdem immer Politiker, die der Versuchung erliegen, im eigenen Interesse scheinbar bequeme Lösungsalternativen zu propagieren.“ Nach Einschätzung von Börsch-Supan bleibt der Politik hingegen noch Zeit, um zu reagieren. Denn was nach 2030 passiere, werde zunehmend unsicher. „Wir sollten uns viele Gedanken darüber machen, wie die Rente mit 67 in die Praxis umgesetzt werden kann. Aber um das Rentenalter im Jahr 2060 können wir uns auch noch in 10 Jahren kümmern“, meinte der Mannheimer Experte.

Diether Döring von der Akademie der Arbeit in der Universität Frankfurt bezeichnete es als „reichlich unpassend“, jetzt die Rente mit 69 vorzuschlagen. „Die Idee eines weiteren Aufschubs der Regelaltersgrenze macht die Leute kopfscheu“, sagte der Rentenexperte im Gespräch mit Handelsblatt.com. Schon die Rente mit 67 sei bei den Beschäftigten immer noch „herzlich unpopulär“.

Eine aktuelle Studie belegt indes, dass in Deutschland immer mehr ältere Menschen berufstätig sind. Die Erwerbstätigenquote der 55- bis 64-Jährigen stieg in den vergangenen 15 Jahren von 35,9 Prozent auf 53,8 Prozent, wie das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) aus einer am Mittwoch veröffentlichten Studie berichtete. Damit übertreffe die Quote schon heute das von der Europäischen Union vereinbarte Ziel von 50 Prozent für 2010.

Die IAB-Arbeitsmarktexperten sehen eine gewisse Signalwirkung durch die beschlossene Anhebung des Rentenalters auf 67 Jahre, aber auch positive Effekte durch die Einschränkung bei der Frühverrentung. Günstig entwickelt habe sich vor allem die Beschäftigungssituation der 55- bis 59-Jährigen, während die über 60-Jährigen und die gering qualifizierten Älteren weiterhin Schwierigkeiten damit hätten, eine Stelle zu finden.

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