Rente
Wie lange muss ich arbeiten?

120.000 Deutsche, die älter sind als 75 Jahre, haben einen Minijob, weil sie von ihrer Rente nicht leben können. Jetzt will die Politik der Altersarmut den Kampf ansagen und streitet übers Renteneintrittsalter.
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DüsseldorfMit 40 oder 50 nicht mehr arbeiten zu müssen, stattdessen das Leben genießen – und zwar als wohlhabender Frührentner: Wer hat davon nicht schon geträumt? Beim Traum wird es wohl auch bleiben, jedenfalls in Sachen gesetzliche Rente. Egal ob mit 20, 40 oder 50: „Jedes Jahr zählt. Denn das deutsche Rentensystem bilanziert die Lebensarbeitszeit“, sagt Anika Rasner, Rentenexpertin beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Und das heißt: Eine Pause, zum Bespiel für den Nachwuchs oder auch die Frühverrentung – übrigens maximal fünf Jahre vor dem gesetzlichen Rentenalter –, wirkt sich negativ auf die Bilanz aus. Und zwar dramatisch.

„0,3 Prozent pro Monat. Das ist der Abschlag, den jeder von seiner gesetzlichen Rente hinnehmen muss, will er frühzeitig in den Ruhestand gehen“, sagt Rasner. Konkret bedeutet das: Wer auch in Zukunft mit 65 anstelle von 67 in Rente gehen will, der muss mit einer Minderung von 7,2 Prozent rechnen. „Zurzeit liegt das durchschnittliche Rentenalter bei 61 Jahren.“ Das bedeutet aber, dass diesen Rentnern 14,4 Prozent der Rente abgezogen werden. Im schlimmsten Fall heißt das: arm im Alter.

Infografik

Renten in Deutschland gestiegen

Ratenanpassung jeweils am 1. Juli in %

( mit der Maus über die Grafik fahren)


Es ist dieses Szenario, das die Politiker gerade umtreibt. Kein Wunder, es ist Wahlkampf. Und so schafft es die Rente neben der Euro-Rettung als Megathema auf die Wahlkampf-Agenda der Parteien.

Vor allem ist es Ursula von der Leyens Prestige-Projekt, das sie schnell umsetzen will, am liebsten schon im kommenden Jahr. Die Bundesarbeitsministerin hat sich das Thema Altersarmut auf die Fahnen geschrieben – die sie mit ihrem Vorschlag der Zuschussrente bekämpfen will.

Das Konzept der Zuschussrente sieht vor, Menschen mit geringer Rente zu unterstützen – „unter sehr vielen Bedingungen“, sagt Rasner. Beispielsweise müssten sie sehr lange privat vorgesorgt haben. Haben die Betroffenen außerdem 35 Jahre Pflichtbeträge gezahlt, wird die Kindererziehung angerechnet. Waren sie 45 Jahre lang versichert, zählt Arbeitslosigkeit hinzu. Auch wenn das Konzept der CDU nicht Zuschussrente heißen wird: „das alte Prinzip der Rente nach Mindestentgeltpunkten“, auf das sich die Partei verständigt hat, decke sich mit dem von ihr ursprünglich vorgelegten Konzept, sagt von der Leyen.

DGB

Warum Menschen früh zu Rentnern werden

in Prozent


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„Die Ministerin treibt den Teufel mit dem Beelzebub aus“, sagt Martin Gasche. Der Rentenexperte vom Munich Center for the Economics of Aging (MEA), eine Abteilung des Max-Planck-Instituts für Sozialrecht und Sozialpolitik, ist überzeugt: Die Zuschussrente verschiebe nur die Ungleichbehandlungen in die Rentenversicherung.

Kommentare zu " Rente: Wie lange muss ich arbeiten?"

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  • "Vor allem ist es Ursula von der Leyens Prestige-Projekt, das sie schnell umsetzen will, am liebsten schon im kommenden Jahr. Die Bundesarbeitsministerin hat sich das Thema Altersarmut auf die Fahnen geschrieben – die sie mit ihrem Vorschlag der Zuschussrente bekämpfen will."

    Och Uschi, du redest heute von einer Rente in Höhe von 850 Euro im Jahr 2030.

    Vor der Euroeinführung konnte man mit 1700 DM gut leben, heute liegt man mit 850 Euro schon deutlich unter der Armutsgrenze. In weiteren 18 Jahren bekommen wir für 850 Euro nicht einmal mehr eine ungeheizte Bretterbude als Unterkunft.

    Aber Diätenerhöhungen im Bundestag von monatlich knapp 600 Euro, die sind finanzierbar, oder wie?

  • Sehr geehrte Redation,
    in der Schlagzeile wird eine Zahl von Älteren über 75 genannt, die einem Minijob nachgehen. Sie sollten zumindest berichten, dass dies nur 1,5% dieser Altersgruppe ausmacht.
    Es handelt sich also nicht wie suggeriert um ein Massenphänomen. Außerdem weiß ich nicht, woher Sie die Gewissheit nehmen, diese Rentner müssten (vielleicht zur Vermeidung von Armut) arbeiten, um ihren Lebensunterhalt fristen zu können.
    Ich halte dies für schlechten Journalismus.
    PS: ich schätze als Abonnent im Übrigen Ihre Blatt sehr!

  • Früher hatten wir Politiker, die selbst einmal einen Beruf nicht nur erlernt, sondern auch ernsthaft längere ausgeübt haben ... die also wußten, woher der Wind im Berufsleben weht. Wir hatten ein funktionierendes Rentensystem bis der Staat sich der Rentenkasse angenommen hat. Seit dem Rücktritt von Alex Möller (SPD) als letztem Finanzminister alten Schlages ging's bergab.

    Heute bauen die Politiker Flughäfen und Rennstrecken (können es nicht), beschließen Energiewenden (können es nicht), retten den Euro (können es nicht), wollen sparen (können es nicht), wollen das Gesundheitswesen reformieren (können es nicht), wollen das Rentensystem wieder auf solide Füße stellen (...). Bald kippt die Chose!

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