0 Bewertungen
14.03.2008 
Riester-Faktor wird ausgesetzt

Renten sollen kräftig steigen

Rentner können sich freuen: Die Koalition hat sich darauf verständigt, den so genannten "Riester-Faktor" für zwei Jahre auszusetzen. Die Folge: Die Renten steigen zur Jahresmitte um mehr als ein Prozent. Die Regierung will damit Sorgen begegnen, die Inflation fresse die Rentenzuwächse auf.

Die Rente soll stärker steigen als bisher geplant. Foto: Archiv

Die Rente soll stärker steigen als bisher geplant. Foto: Archiv

HB BERLIN. Die Renten steigen in diesem Jahr stärker als bisher geplant. Die Altersbezüge der mehr als 20 Millionen Rentner sollen nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur dpa zum 1. Juli um 1,1 Prozent angehoben werden. Die Koalition reagiert damit nach Angaben vom Freitag auch auf Belastungen der Rentner durch die anhaltenden Preissteigerungen. Auch Langzeitarbeitslose können mit mehr Geld zur Jahresmitte rechnen. Denn einer Rentenanpassung muss auch das Arbeitslosengeld II folgen. Der Hartz-IV-Regelsatz liegt derzeit bei 347 Euro monatlich. Möglich werde die stärkere Anhebung der Renten durch die gute Finanzlage der Rentenkassen, hieß es.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Arbeitsminister Olaf Scholz (SPD) verständigten sich nach dpa-Informationen darauf, den sogenannten Riester-Faktor in der Rentenformel für zwei Jahre auszusetzen. Mit der Gesetzeskorrektur, die bei den Rentenkassen zu einer Mehrbelastung von jährlich etwa 1,2 Milliarden Euro führt, will die Regierung offensichtlich weiteren Unmut bei den Ruheständlern dämpfen. Im Vorjahr lag das Rentenplus bei 0,54 Prozent, von 2004 bis 2006 gab es drei Rentennullrunden in Folge.

Auch bei einer Rentenerhöhung um rund ein Prozent müssten die Rentner angesichts der Teuerungsrate von mehr als zwei Prozent allerdings erneut Kaufkraftverluste hinnehmen. Sie sollen auch die Anhebung des Beitrags zur Pflegeversicherung zur Jahresmitte um einen viertel Prozentpunkt aus eigener Tasche bezahlen.

Der stellvertretende Regierungssprecher Thomas Steg sagte, „bei vielen Millionen Rentnern ist das Gefühl da, dass die geringfügigen Anpassung, die es etwa im vergangenen Jahr gegeben hat, bei weitem durch die Preissteigerung aufgefressen wird.“ Die Lohn- und Gehaltsentwicklung sei weniger positiv als erhofft und zugleich die Preissteigerung signifikant. In der Koalition sei immer diskutiert worden, ob nicht reagiert werden sollte wegen höherer Preise, höherer Beiträge zur Pflegeversicherung, der Entwicklung der Rentenkassen und des Ziels, dass alle Bevölkerungsgruppen am Aufschwung teilhaben sollen.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Rentensteigerung könne ohne Beitragserhöhungen finanziert werden

Eine höhere Rentensteigerung könne ohne Beitragserhöhungen und auch ohne höhere Steuerzuschüsse des Bundes finanziert werden, betonten Steg und das Finanzministerium. Die Rentenanpassung sei dank der finanziellen Lage der Rentenkassen und ihrer wieder höheren Reserven möglich. Der Sprecher des Finanzministeriums, Torsten Albig, sagte, am Steuerzuschuss zur Rente ändere sich nichts. Die Anpassung auch der Grundsicherung würden den Bundeshaushalt aber belasten. Eine Rentenanhebung um zusätzliche 0,6 Prozentpunkte würde mit rund 150 Millionen Euro zu Buche schlagen, hieß es.

Auf die Frage, warum die Anhebung auf den Tag genau zum fünften Jahrestag der umstrittenen Reform-„Agenda 2010“ verkündet wurde, sagte Steg, der Grund sei vielmehr, dass erst am Freitagmorgen wichtige Zahlen des Statistischen Bundesamtes vorgelegt worden seien. Diese spielten eine Rolle bei der Rentenanpassung. „Ich habe jetzt keinen Hinweis darauf, dass es irgendwie Absprachen gegeben hat, das gerade heute an diesem 14. März zu machen“, sagte Steg.

Der „Riester-Faktor“ sorgt bei Rentenerhöhungen für einen Abschlag um 0,6 Prozentpunkte. Ohne gesetzliche Korrektur würde es zum 1. Juli wahrscheinlich nur eine Rentenerhöhung in der Größenordnung von 0,5 Prozent geben. Dies wäre ein Aufschlag wie im vergangenen Jahr. Steg zufolge ist diese Berechnungsformel kein Naturgesetz, sondern eine politisch beschlossene Formel. Es sei jederzeit möglich, eine politische Entscheidung zu ändern. Steg widersprach der Vermutung, dass künftig der Grundsatz „Rentenpolitik nach Kassenlage“ gelte.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

weiterBildergalerien

 

zurück vor
  • Krönung und Konfetti

    Krönung und Konfetti

    Der Parteitag der Demokraten ist im vollen Gang. Die Show in Denver soll Begeisterung und Siegesgewissheit vermitteln. Es geht darum, die Herzen der Amerikaner zu gewinnen. Bildergalerie 

  • Südossetien und Abchasien...

    Südossetien und Abchasien – abtrünnig und weitgehend isoliert

    Die autonomen Gebiete Südossetien und Abchasien in Georgien gelten seit vielen Jahren als Konfliktherde. Beide hatten sich nach dem Zerfall der Sowjetunion in Bürgerkriegen von Georgien abgespalten. Von der internationalen Gemeinschaft werden sie bis heute aber nicht a...Bildergalerie 

  • Aus dem Frühling in einen...

    Aus dem Frühling in einen frostigen Winter

    In dieser Woche jährt sich das Ende des „Prager Frühlings“ von 1968. Damals wollten tschechoslowakische Reformer das totalitäre System an eine Demokratie annähern. Der Versuch scheiterte in der Nacht zum 21. August 1968, als sowjetische Panzer auf Prag vorrückten.Bildergalerie 

  • „Das Schlimmste steht noc...

    „Das Schlimmste steht noch bevor“

    Die Finanzkrise beherrscht das diesjährige Treffen der Wirtschafts-Nobelpreisträger in Lindau. Die Top-Ökonomen Clive Granger, Daniel McFadden, John Nash und Myron Scholes analysieren für das Handelsblatt die Ursachen und skizzieren Wege aus der Krise. Bildergalerie 

 

Handelsblatt Experten + Meinungen

Handelsblatt-Kommentar

Die Pest des Zerfalls  Artikel in Merkliste

28.08.2008, 05:13 Uhr von Andreas Rinke

Gerade nach der Anerkennung der Unabhängigkeit der serbischen Provinz Kosovo stellt sich die Frage, wo die Grenze bei dem Prinzip der Selbstbestimmung der Völker verläuft: Was ist eine „gute“, was eine „schlechte“ Unabhängigkeit? Kommentar