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Die Hartz-Maschine

Ein trübes neonbeleuchtetes Schild weist den Weg aus dem Untergrund nach oben. „Arbeitsamt“ steht darauf, gleich über der Treppe. Hier ist Endstation für viele Arbeitslose, die mit der U-Bahn kommen, Haltestelle Duisburg-Duissern, am westlichen Rande des Ruhrgebiets. Jihran Sulejman kennt den Weg. Der gelernte Tischler, 27 Jahre alt, seit über einem Jahr arbeitslos, steigt die Treppenstufen hinauf und steht vor einem karamellfarbenen Gebäude. Ein rotes A prangt an der Wand.

HB DÜSSELDORF. Es steht neuerdings für „Arbeitsagentur“. Alle aber sprechen weiter vom Arbeitsamt. Die Parkplätze sind besetzt, von morgens bis nachmittags, an jedem Werktag, der für sie keiner mehr ist. Männer, Frauen, Jugendliche treten ein, warten, fahren mit dem Lift zum Vermittler. Ein Kommen und Gehen mit den gleichen leeren Gesichtern. „Auf Wiedersehen“, ganz bestimmt. „Es ist ein Teufelskreis“, sagt Sulejman.

Der gebürtige Makedonier betritt das Berufsinformationszentrum im Nebengebäude, Raum B. Ihm und 30 weiteren Arbeitslosen wird an diesem Morgen in Grundzügen „Hartz IV“, also die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe, und das Arbeitslosengeld II, kurz ALG II, erklärt. Was sich ab dem 1. Januar 2005 verändert, wie das Antragsformular auszufüllen ist, damit das Geld auf die Konten gelangt.

„Gruppeninfo“ wird die 90-minütige Unterweisung intern genannt. In mehr als 500 dieser Sitzungen wurden rund 20 000 Personen durchgeschleust. Duisburg beeilt sich, denn die Zeit ist knapp für den radikalen Umbau der Arbeitsmarktpolitik. Die Bundesagentur für Arbeit (BA), oberste Instanz, hat einen Handlungsleitfaden verschickt, wie das geänderte Sozialgesetzbuch (SGB) II umzusetzen ist. „Bei jeder Reform denke ich, sie kommt zur Unzeit. Andererseits fällt mir nicht ein, wann es eine bessere Zeit gäbe“, sagt der Direktor der Arbeitsagentur, Norbert Maul. Die neue Leitlinie, intern auch schon mal böse Hartzokratie genannt, heißt „Fördern und Fordern“, mit neuer Betonung auf Letzterem.

Die Luft in Raum B ist klamm wegen der vielen nassen Jacken. Claudia Kehrein versucht, das Antragsformular zu erklären. Einzelne Seiten erscheinen auf einer Leinwand, rote Kringel sind zu sehen. „Hier müssen Sie nur die Personen eintragen, die mit Ihnen in einem Haushalt leben“, sagt die Arbeitsvermittlerin, „um Gottes willen nicht die Cousine in Bonn.“ Kehrein, 31, spricht von „Bedarfsgemeinschaft“ und zeigt auf die Musterfamilie an der Tafel nebenan: Vater Helmut, Mutter Elvira, Tochter Susi, Sohn Klaus. An ihnen wird der neue Leistungskatalog des Sozialgesetzbuchs durchexerziert. Man fühlt sich wie in einem Sprachkursus, der das SGB II verständlich übersetzen soll.

Umsetzung eines Paradigmenwechsels

Welcher Wohnraum angemessen ist, was zum Vermögen zählt, welches Auto gefahren werden kann, das interessiert am meisten. Harald Püttschneider, 46, Berufskraftfahrer, Diabetiker, Bandscheibenschaden, stellt aber auch schwierige Fragen: „Was ist mit Mietkauf?“ Ein Referent sagt: „Es ist genauso überraschend für euch gekommen wie für uns.“ Kehrein sagt: „Wohl wahr.“

Es ist eine der unangenehmeren Runden. „Aber insgesamt ist es gut gelaufen“, sagt die Vermittlerin. Vier bis fünf Sitzungen hat sie täglich absolviert. Die meisten Arbeitslosen nahmen es gefasst auf. Einige moserten, andere bedankten sich, klatschten sogar, dass ihnen Ängste genommen wurden. Nur einer sprang in den vergangenen zwei Monaten auf und rief dazwischen: „Hartz IV ist Armut per Gesetz“, ein häufig plakatierter Slogan der PDS. Der Mann wollte sich nicht beruhigen und wurde hinausgeworfen.

Widerspenstige, Zögernde kann Direktor Maul nicht gebrauchen. Der 49-Jährige steht wie seine Kollegen in anderen Kommunen vor seiner größten beruflichen Herausforderung. Mit rund 700 Beschäftigten muss Maul bis zum Jahresende die Vorbereitungen abgeschlossen haben, damit Hartz IV in Kraft treten kann. Ohne Panne, versteht sich. Es geht um einen Paradigmenwechsel, den Maul so beschreibt: „Das ist so, als ob ein Automobilkonzern beschließt, mit einem Teil des Unternehmens auf Schiffbau umzusteigen, und der andere Teil führt weiter neue Automodelle ein.“

Beratungen per Telefon

Vor wenigen Wochen hat Maul ein Kunstwerk an die karge Bürowand im siebten Stockwerk gehängt: zwei silberne Fässer zu knittrigen Rucksäcken eingedellt, mit Riemen aus Metallstreifen. So groß, dass selbst Riesen schwer zu tragen hätten. „Bereite dich vor auf einen langen Weg“, heißt das eigenwillige Kunstwerk.

Seitdem ist das sein Motto für den Umbau. Der geschieht nicht nur organisatorisch, sondern auch ganz profan. So soll in die inzwischen komplett entkernte zweite Etage ein Call-Center einziehen. Hier sollen künftig 130 Mitarbeiter bereits am Telefon qualifizierte Beratungen vornehmen, Anschluss nach 20 Sekunden garantiert, für 80 Prozent der Anrufer.

Dazu gibt es überall im Amt neue Schreibtische, neue PCs und Tausende neuer Aktendeckel mit der Aufschrift „ALG II“. Unzählige Regale werden gebraucht – und: anderes Denken.

In Duisburg sieht das Modell nach den Vorgaben der BA wie folgt aus: Ein Teil der Arbeitsagentur kümmert sich nur noch um die ALG-I-Bezieher, deren Vermittlung in den ersten Arbeitsmarkt noch am leichtesten gelingen dürfte. Die von Stadt und Agentur gegründete Arbeitsgemeinschaft ARGE mit 360 Beschäftigten ist für die ALG-II-Bezieher zuständig, also all die Arbeitslosenhilfe-Bezieher, die Langzeitarbeitslosen und Sozialhilfeempfänger, die es ohnehin schwerer haben. In Duisburg geht es um mehr als 25 000 Personen, ein Bruchteil der bundesweit etwa 3,6 Millionen Fälle. Diejenigen, die nicht arbeitsfähig sind, werden weiter vom Sozialamt betreut.

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