Reportage
Die Jagd nach den Schattenmännern

Hans Eichel macht Ernst: Schwarzarbeit soll künftig härter bestraft und genauer kontrolliert werden. Ein Tag mit den Ermittlern der neuen Super-Behörde FKS. Eine Handelsblatt-Reportage.

HB WIESBADEN/MANNHEIM. Die Operation „Sprinter“ beginnt im Wiesbadener Hauptzollamt um kurz vor halb sechs in der Früh. Draußen spiegeln sich die ersten Sonnenstrahlen auf dem Rhein, drinnen quietschen die Stiefel der Zöllner auf dem Linoleum-Fußboden. Bei Kaffee und Zigarette schwört Klaus-Peter Möller seine 15 Leute auf den Zugriff im Industriegebiet „Petersweg“ ein: „Ihr wisst: Dort befinden sich zwei Verteilzentren bekannter LogistikKonzerne. Kontrollen nur zu zweit. Bitte besondere Vorsicht, wenn ihr einen Laderaum öffnen müsst.“

Die Beamten tragen die dunkelgrünen Uniformen des Zolls, aber sie werden an diesem frischen Juli-Morgen nicht nach unversteuerten Waren suchen, sondern nach Schwarzarbeitern. Diesmal speziell nach illegal Beschäftigten, die für Klein-Spediteure vorwiegend in Mercedes- Sprintern durch die Republik heizen und täglich Hunderttausende Päckchen und Pakete ausliefern.

Um 5.50 Uhr ist das Einsatzgebiet abgeriegelt. An den beiden Zufahrtsstraßen haben sich jeweils fünfköpfige Teams postiert, der Rest der Truppe sichert Feld- und Fahrradwege. Augenblicke später winken die Fahnder den ersten Verdächtigen aus dem Verkehr. Am Steuer eines Sprinters mit Brandenburger Kennzeichen sitzt ein Osteuropäer.

Er ist unrasiert, sein graues T-Shirt wölbt sich über seinen Oberkörper, in den Turnschuhen fehlen die Schnürsenkel. Der Mann kann sich nicht ausweisen, dafür erzählt er eine hübsche Geschichte: „Ich bin nur hierher gefahren, um einen Kollegen zu wecken, der in einem anderen Auto schläft. Sonst mache ich in Deutschland nur Urlaub.“ Die Beamten nicken freundlich und entscheiden: Verdacht auf illegale Beschäftigung, ab aufs Revier.

Fast zur selben Zeit schlagen Kollegen auf einem Autobahnrastplatz bei Mannheim zu, an der Zufahrt zum Flughafen Köln/Bonn und an weiteren 500 Kontrollstellen im Bundesgebiet. Der Staat macht Ernst mit seiner Ankündigung, die Schattenwirtschaft flächendeckend zu bekämpfen. Dazu hat Finanzminister Hans Eichel eine neue Ermittlungsbehörde ins Leben gerufen. Sie setzt sich je zur Hälfte aus Altzöllnern und ehemals Angestellten der Arbeitsämter zusammen, nennt sich Finanzkontrolle Schwarzarbeit (FKS). Ihre 5 000 Fahnder sind seit sieben Monaten im Einsatz und agieren als Hilfsbeamte der Staatsanwaltschaft. Die neue Super-Behörde untersteht direkt dem Finanzminister.

Branche für Branche nehmen sich die Ermittler vor: Großrazzien auf Baustellen, in Hotelbetrieben, im Taxigewerbe oder eben bei den Kurierdiensten. Oft sind bis zu 2000 FKS-Beamte bei diesen Schwerpunktkontrollen gleichzeitig im Einsatz. „So lässt sich bundesweit ein enormer Überprüfungsdruck auf einzelne Branchen aufbauen“, erklärt Eberhard Haake die Vorgehensweise.

Der 52-jährige Volljurist leitet seit Anfang des Jahres die FKS. Haake kommt aus Norddeutschland, was man unschwer an seinem Tonfall erkennen kann. Das Haar ist noch dicht, aber schon grau, genau wie sein Vollbart. Den obersten Knopf seines dunkelblauen Hemdes hat er an diesem feucht-warmen Morgen in die Arbeitslosigkeit entlassen, den Krawattenknoten hat er gelockert, das Jackett abgelegt. So sitzt er im sechsten Stock seines schlichten Büros in Köln-Nippes mit Blick auf den Dom und sagt: „Ich arbeite seit 1982 für den Staat.“

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