Reportage
Häutung eines Außenministers

Vor wenigen Wochen war Außenminister Frank-Walter Steinmeier noch die graue Maus im Kabinett von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Auch Partei-intern wurde dem SPD-Politiker keine größere Rolle zugesprochen. Doch durch den Nahost-Konflikt findet Steinmeier endlich seinen Platz in der deutschen Politik. Eine Handelsblatt-Reportage.

KABUL. Schon auf dem Flug nach Afghanistan verrät der behaarte Unterarm unterhalb des schwarzen Polohemds einiges: Frank-Walter Steinmeier sitzt im Besprechungsraum des Regierungsairbus und pellt sich. Günter Grass hätte wohl von „Häutung“ gesprochen, weil dies dramatischer klingt. Jedenfalls wirken die Folgen des Sonnenbrands auf dem braunen Untergrund sinnbildlich für das, was mit dem Bundesaußenminister politisch derzeit geschieht.

Denn auf dem Flug Richtung Kabul sitzt ein Mann, der seit einigen Wochen plötzlich nicht mehr als die graue Maus oder die Bürokraten-Quote im Kabinett der Angela Merkel wahrgenommen wird, sondern als Leistungsträger der Regierung. Fünf Wochen Nahostkrise haben ausgereicht, um ihn laut Umfragen zum beliebtesten Politiker Deutschlands mutieren zu lassen. Nein, nein, „Darling der Nation“ sei doch etwas übertrieben, hatte er kurz vor dem Abflug noch in einem Interview abgewehrt. „Aber ich räume ein, dass es angenehmer ist, in der Öffentlichkeit gelobt statt kritisiert zu werden.“

Als Steinmeier später in Kabul die Stufen des Präsidentenpalastes herunterkommt und die salutierenden Soldaten passiert, lächelt er. Neben ihm steht der Gastgeber und Präsident Karsai. Der zieht ihn zu den angereisten 34 Provinz-Gouverneuren, die Karsai gerade neu ernannt hat.

Es folgen 34-mal Lächeln und 34-mal Händeschütteln, auch wenn Steinmeier weiß, dass zu der Gruppe auch Politiker gehören, die solche Freundlichkeiten nicht verdienen. Aber er ist Gast, im Übrigen der deutsche Oberdiplomat. Und Afghanistan ist eines jener Länder, in denen deutsche Diplomatie und Bundeswehr beharrlich versuchen, die Welt ein klein wenig zu verbessern. Und Steinmeier will mithelfen, mahnt zu Geduld und Reformen, ermutigt.

Diese Sachlichkeit, das unaufgeregte Suchen nach Problemlösungen, hat ihn schon lange ausgezeichnet. Doch seinen neuen Ruhm hat sich der Außenminister nicht in Afghanistan erworben, sondern im Sommer in der Nahost-Krise. Während Bundeskanzlerin Merkel abtauchte und der Öffentlichkeit nur stumme Bilder ihrer Hingabe für Richard Wagner und für das Wandern in den Alpen lieferte, gab Steinmeier den Krisenmanager. Zwar holte er sich tatsächlich Bräune auf Malta, wo er mit Frau und Tochter eigentlich die Ferien verbringen wollte. Doch dann kam der Krieg im Libanon, Abstimmungen in Paris und Rom, Auftritte im Fernsehen und unzählige Telefonate. Dazwischen zurück auf die Mittelmeerinsel. „Nie bin ich so oft in Urlaub geflogen wie in diesem Sommer“, scherzt Steinmeier.

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