Reportage
Rüttgers - Politiker ohne Eigenschaften

Wie man Wirtschaftspolitik mit christlich-sozialem Denken verbindet: Jürgen Rüttgers? Wahlkampf an Rhein und Ruhr könnte der Union als Rezept für 2006 dienen.

DÜSSELDORF. Während Gläubige an Pfingsten der Aussendung des Heiligen Geistes an die Jünger beiwohnen, zelebriert die Stadthalle Hagen die "Erotik-Messe mit dem Pornostar Gina Ferrari". Drei Pfingsttage lang Erregung und Triebabfuhr "Im "Wasserlosen Tal 2", so die präzise Adresse der Mehrzweckhalle. Hier, am Tor zum Sauerland, tief im überwiegend katholischen Westen, eignet sich der profane Bau wohl gerade deshalb so gut auch für Erregungszustände im Landtagswahlkampf. Denn als Gina ihre Sexmesse abhält, hat das tiefe Tal längst Erregungen ganz anderer Art hinter sich: den politischen Höhepunkt des Jahres.

CDU-Chefin Angela Merkel und CDU-Spitzenkandidat Jürgen Rüttgers machen hier Halt im Wahlkampf und predigen ihre Botschaft vom künftigen Heil des Landes: Das rote Bollwerk muss bekehrt werden. In die vom verlebten Aufschwung der Region kündende Stadthalle strömen vor allem unzählige Senioren. Alle denken nur an das Eine: Weg mit 39 Jahren Misswirtschaft! Aber noch ist es erst Nachmittag. Die Rentner bleiben unter sich, wer Arbeit hat, ist woanders. Die schwarze Revolution muss noch warten.

"Jetzt kommt ein kleiner Spot - und dann hat Jürgen Rüttgers alle Chancen der Welt." Dem Moderator ist an diesem Tag keine Übertreibung zu schade, um Rüttgers mit viel Ta-Ta ans Mikrofon zu rufen. Alle Chancen der Welt! Hier in Hagen. Und schon steht er, der Kandidat, aufrecht zwischen Blaskapelle, schwarz-gekleideten Schornsteinfegern und Angela Merkel im ferrari-roten Kostüm. Doch da steht keiner, der die Welt aus den Angeln heben will. Das ergraute Publikum erlebt einen durch und durch netten Politiker, die ehrliche Haut aus Pulheim. Fast 54, grau, mit hoher Stirn und blauen Augen. Katholisch flexibel, von offenbarer intellektueller Redlichkeit und streitbarer Harmlosigkeit. Das personifizierte Bekenntnis des rheinischen Laisser-faire: "Läve un läve lasse!"

Der aufrechte Mann strotzt nur so vor Verlässlichkeit. Und wie er das Handwerk der Politik über Bord wirft: "Ich will nichts versprechen, was man nicht halten kann", behauptet er. Alle Chancen der Welt? Nein, auch im harten Wahlkampffinale, das über weit mehr als nur die Zukunft Nordrhein-Westfalens entscheidet, im Politkrieg also, obwaltet die Sanftmut des Sohnes eines Elektromeisters. Vorsicht! Starkstrom! "Zum Wahlkampf gehört angeblich, dass man erst einmal die anderen so richtig beschimpft. Auf die anderen einprügelt! Aber ich will mir und Ihnen das ersparen", verspricht er, Ministerpräsident Peer Steinbrück, SPD, auch diesmal wieder ungeschoren davonkommen zu lassen.

In Wahrheit aber regiert ihn da keinerlei Noblesse oder gar freier Wille. Er kann nicht anders. Hinter dem treuherzigen Bekenntnis zur Anständigkeit steckt das Kalkül des Konfliktscheuen. Steinbrück ist nicht nur ein energiegeladener Kraftbolzen, der aggressiv austeilt. Er ist im Land weitaus beliebter als Rüttgers, behaupten die Umfragen. So jemanden prügelt man nicht.

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