Reportage: Zukunftsprojekt Hamburger Hafencity
Hamburger Hafencity: Leben im Schaufenster

Hamburg wagt ein gigantisches Städtebau-Experiment: die Hafencity. Die Stadt will im globalisierten Wettlauf um Wirtschaftskraft große Firmen in ihr Zentrum locken. Der Versuch darf nicht scheitern, er kostet sieben Milliarden Euro. Es gibt Probleme mit Vorzeigeprojekten. Die Anwohner sind Teil des Versuchs: die Planer brauchen sympathische Gesichter – gerade jetzt.

HAMBURG. Wieder einmal passiert es, als er früh am Morgen mit seinem schweren dunkelblauen Wagen in diese andere Welt hineingleitet. Er lässt die Deichtorhallen hinter sich, er fährt auf die Brücke, der Horizont weitet sich. Rechts die alten Häuser der Speicherstadt, links der Backsteinbau des Maritimen Museums, gigantische Brachen und Kräne, Dutzende Baukräne. Er stört sich nicht an ihnen. Er, Jürgen Bruns-Berentelg, ein Mann von 57 Jahren, fährt diese Straße entlang, und sein Bewusstsein dafür, dass er eine große Aufgabe zu bewältigen hat, meldet sich. Eine freudige Aufregung erfasst ihn. Er sieht schon die Zukunft dieses Ortes, es ist sein Job, die Aufgabe seines Lebens.

Es ist alles so schnell gegangen, unwirklich schnell, denkt Michael Klessmann, als er mit seinem Rad den Brooktorkai entlangfährt. Er ist spät dran, der dunkelblaue Kombi, der ihm morgens manchmal entgegenkommt, steht längst vor dem gläsernen Bürowürfel um die Ecke. Diese Gegend und die neue Wohnung gleich am Wasser, mit ihrem Ausblick, verheißen ihm und seiner Frau eine Freiheit, einen Aufbruch, der ihn manchmal das Gefühl dafür verlieren lässt, dass anderthalb Jahre zwischen diesem Leben und ihrem früheren liegen. Sie sind eingezogen, andere Häuser sind fertig geworden, erste Läden haben aufgemacht. Um sie herum ist eine Insel entstanden, mitten in der Stadt, mit neuem Leben und neuen Regeln.

"Er ist ein Pionier", sagt Bruns-Berentelg über den Bewohner Klessmann.

"Er tut wirklich alles dafür, dass es hier vorwärtsgeht", sagt Klessmann über den Manager Bruns-Berentelg.

Gäbe es dieses aufsehenerregende Experiment nicht, sie wären einander vermutlich nie begegnet. So aber haben sie sich in einem Schaufenster getroffen, dem größten, das das Land derzeit zu bieten hat, und in ihm spielt sich nun ihr Leben ab.

Hamburg will wachsen und seine Innenstadt um 40 Prozent vergrößern. Aus dem Nichts entsteht ein neuer Stadtteil, 160 Hektar groß, aus vielen Tausend Tonnen Stahl, Glas und Beton. In ein paar Jahren sollen darin 12000 Menschen wohnen und 40000 arbeiten. Geht der Plan auf, wird die Hamburger Hafencity vielleicht das Beispiel sein, das Großstädten den Weg in die Zukunft weist. Denn auch anderswo denken Politiker darüber nach, wie sie den globalisierten Wettlauf um Prestige und große Konzerne gewinnen und diese in ihre Zentren locken können.

Hamburg wagt einen Versuch. Er darf nicht scheitern. Er kostet sieben Milliarden Euro, die Welt sieht gespannt zu. Jetzt gibt es Probleme mit den Vorzeigeprojekten.

Bruns-Berentelg atmet schwer, als er in den Besprechungsraum hereinweht, er prüft rasch den Sitz seiner Krawatte. Es ist ein voller Tag, wie gewöhnlich. Er wirft einen flüchtigen Blick durch die Fensterfront. Arbeiter mühen sich, fristgerecht das Überseequartier hochzuziehen, das künftige Herz des Stadtteils, 16 Gebäude, 274000 Quadratmeter Fläche, Investitionsvolumen: 800 Millionen Euro. Der Bürowürfel der Hafencity GmbH, deren Chef er ist, liegt mittendrin. Von hier aus trifft er, Bruns-Berentelg, Manager und Visionär, die wichtigen Entscheidungen.

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