Riester-Rente
Black Box Altersvorsorge

Geht es nach dem Finanzminister, sollen Kosten von Riester- und Rürup-Verträgen bald offenliegen. Das ist leichter gesagt als getan. Selbst beauftragte Experten verheddern sich Kritikern zufolge in den Rechenmodellen.
  • 3

DüsseldorfMehr Durchblick, weniger Kosten: Seit einem guten Jahr trommelt das Finanzministerium für mehr Transparenz bei Riester- und Rürup-Renten. Das „Altersvorsorge-Verbesserungsgesetz“ im Juni 2013 sollte der Startschuss sein. Doch die Euphorie ist seither einer gewissen Nüchternheit gewichen.

Denn so sehr wie diesmal haperte es selten bei der Umsetzung einer Agenda aus dem Hause Schäuble. Experten kritisieren sowohl den Entwurf der lang erwarteten Transparenzverordnung als auch eine flankierenden Kostenanalyse. Damit geht die Kritik einer Studie des Berliner Instituts für Transparenz (ITA) zu den Kosten bei staatlich geförderten Altersvorsorgeprodukten weiter.

Ursprünglich hatte Handelsblatt Online vor zwei Wochen Fehler bei deren Renditeangaben für klassische Lebensversicherungen aufgedeckt. Nun hat sich auch Deutschlands schärfster Versicherungskritiker, der Mathematiker und Aktuar Axel Kleinlein, die Kostenanalyse vorgenommen – und stellt weitere Ungereimtheiten fest, die selbst Nicht-Versicherungsexperten erstaunen. 

Die Studie ist im Zuge der Transparenz-Initiative vom Finanzministerium in Auftrag gegeben worden. Die Ergebnisse sollten den Politikern unter anderem als Basis dienen, um über mögliche Kostendeckel von Riester- und Rürup-Produkten diskutieren. Genau dafür hält sie Kleinlein in der jetzigen Fassung aber für ungeeignet: „Die Ergebnisse sind nicht hinreichend valide, um eine abschließende Bewertung vornehmen zu können“, heißt es in einer Stellungnahme des Bundes der Versicherten (BdV), dessen Vorstandssprecher Kleinlein ist.

Kleinlein wirft den Verfassern vor, die Renditen von staatlich geförderten Versicherungsprodukten mit einer stark vereinfachten, „falschen Berechnungsformel“ ermittelt zu haben. „Alle Ergebnisse der Modellrechnung sind dadurch betroffen“, sagt Kleinlein. Es sei „sehr schwer“, auf Grundlage dieser „sehr ungefähren Berechnung“ eine Diskussion zu den Kosten zu führen.

Doch damit nicht genug. Neben einem falschen Rechenmodell hätten die Verfasser auch die „Sterbetafeln“ missverstanden. „Es wurde eine Tafel verwendet, die die Lebenserwartung zu hoch, ansetzt.“ Diese Sterbetafeln würden selbst die Versicherer nicht verwenden, sagt Kleinlein. „Kein Versicherer rechnet bei einem heute 55-Jährigen mit einem durchschnittlichen Endalter von 98 Jahren“, sagt auch Niels Nauhauser, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. „Wer dies annimmt, verzerrt die Renditen der Produkte nach oben“, so Nauhauser. Und auch Kleinlein gibt zu bedenken, dass so „die Renditen zu positiv“ seien.

Seite 1:

Black Box Altersvorsorge

Seite 2:

„Die Kostenangabe ist irreführend“

Kommentare zu " Riester-Rente: Black Box Altersvorsorge"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Riester ist was für einfach Gestrickte. Wer über Jahrzehnte einer Versicherung sein Geld anvertraut, welche mir dann meine eigenes Geld in 20 Jahren und mehr wieder zurück gibt, der hat wohl nicht alle Tassen im Schrank. Selbst wenn ich 90 Jahre und älter werde, kommt vielleicht eine Sparbuchrendite zusammen. Toll. Und so richtig Kasse mache ich, wenn ich gerade noch so die Schnabeltasse halten kann. Super toll.

  • Es ist viele Jahre her, da wurde ich als ehemaliger Banker von meiner Frau in die Beratungstelle einer Bank gezerrt und von einem umgeschulten Polizeibeamten beraten.

    Ich darf vorweg schicken, dass besagte Bank eine Woche zuvor als die Institution mit dem besten Riester-Produkt von den Medien ausgezeichnet wurde.

    Mit diesem Rückenwind war der ehemalige Polizeibeamte stolz, mir das Produkt unter Einsatz seines Computerprogramms vorzustellen und detailliert auszudrucken.

    Ich will verkürzen.

    Im Endalter hätte es beispielsweise 12.000 €, knapp mehr als für Einzahlungen gegeben - weniger als Einzahlungen plus Zulagen (wegen der Kosten) aber immer noch mehr als die privaten Einzahlungen allein. Es war nicht viel mehr, aber immerhin.

    Mit 65 sollten die besagten 12.000 € angesammelt, aber nicht ausgezahlt werden. Diese sollten dann anschließend 20 Jahre lang monatlich mit fest garantierten 50 € an "Rente" ausgezahlt werden. Im Todesfall würde die monatliche Rente erlöschen.

    Meine Rechnung war damals:
    50 € monatlich entsprechen 600 € jährlich. Das macht in 20 Jahren den Betrag von 12.000 €.

    Offensichtlich traute mir die Bank nicht zu, dass ich bei Fälligkeit des Riestervertrages mit einem Einmalbetrag nicht umzugehen wüsste und wollte diesen Betrag anschließend ohne Zins über 20 Jahre verteilt an mich auszahlen. Und wenn ich dann in den folgenden 20 Jahren auch noch als Renter auf dem Zebrastreifen totgefahren würde, dann wollte sie das restliche Geld einstreichen und den Bonus für den Vorstand finanzieren.

    Für mich ist die Riester-Rente noch immer eine Lex "Maschmeyer" des Hannoveraner Clans. Für die, die dieser Meinung skeptisch gegenüber stehen, sollten nach dem Namen "Rürup" googlen und die Verpflechtungen zur Kenntnis nehmen. Ganz wichtig erscheint mir dessen heutiges Betätigungsfeld.

  • "Für das Finanzministerium war es bislang einfach, aus der Schusslinie zu bleiben. Von dem Fehler in der Studie konnte man sich leicht distanzieren. Man habe die Kostenanalyse zwar in Auftrag gegeben, doch mache man sich deren Ergebnisse nicht „zu Eigen“, hieß es aus Berlin."

    Nicht ganz!
    Riester-Produkte sind genehmigungspflichtig. Genehmigungen erteilt die BAFin und die ist dienstaufsichtlich dem Bundesfinanzministerium unterstellt.

    Es ist ja schon mehrfach angesprochen worden, dass die BAFin keinen verbraucherrechtlichen Auftrag hat, also den Lobbyisten verpflichtet ist. Davon hat auch das Bundesfinanzministerium Kenntnis. Das Bundesfinanzministerium hat den Auftrag sogar bewusst in dieser Form und nicht anders erteilt.

    Man kann jetzt fragen, wer in der Schusslinie ist? Dass macht aber auch nichts, wenn sie nicht in Reihe sondern hintereinander in Linie anzutreten haben. Dann reicht nämlich eine Aktion, um beim Beispiel zu bleiben.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%