Rosenholz-Datei der Stasi verliert ihren Geheimhaltungsstatus
Die letzten Spione fürchten Enttarnung

Vorsichtig schiebt Sabine Fiebig eine silbrig glänzende CD in ihren Spezial-Computer. Mehr als 13 Jahre haben sie und Marianne Birthler, die Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, auf diesen Moment gewartet. Die sagenumwobene Rosenholz-Datei mit Registernummern, Deck- und vor allem sämtlichen Klarnamen der DDR-Spione kann nun hier, im früheren Stasi-Hauptquartier und heutigem Zentralarchiv, endlich vollständig aufgearbeitet werden.

gof BERLIN. Fiebig ist die Leiterin einer vom Verfassungsschutz sorgfältig überprüften Sondereinheit. Gemeinsam mit acht handverlesenen Kollegen untersucht sie in den nächsten Monaten rund 290 000 Datensätze aus der Kartei des DDR-Agentennetzes. Auch wenn dabei die zeitgeschichtliche Einordnung im Vordergrund steht, verschweigt Gauck-Nachfolgerin Birthler die Brisanz der Arbeit nicht. Es sei nicht auszuschließen, sagt die Bundesbeauftragte vorsichtig, dass man doch noch auf bislang unentdeckte Westdeutsche stoße, die vor dem Mauerfall für die DDR als Agenten unterwegs waren. Auf rund 3 500 Personen wird dieser Kreis geschätzt. Hinzu kommen rund 10 000 Ostdeutsche, die in der DDR hauptberuflich oder inoffiziell für die HVA, die Hauptverwaltung Aufklärung, spioniert haben. Auf eine neue Überprüfungswelle im öffentlichen Dienst jedenfalls sollten sich alle, die heute noch etwas zu verbergen haben, vorsichtshalber einstellen. Die Bundesbeauftragte und Ex-Bürgerrechtlerin Birthler empfiehlt jedenfalls Revisionen: „Es ist sicher sinnvoll, Überprüfungen zu wiederholen.“ Strafrechtlich relevant sind wegen der Verjährung heute allerdings nur noch Fälle von schwerem Landesverrat. Juristische Konsequenzen liegen eher im Bereich des Arbeitsrechts. Auch außerhalb des Staatsdienstes, etwa in der Wirtschaft, werden noch verschwiegene Ex-Mitarbeiter von Erich Mielke vermutet, die jetzt bei der Durchforstung der Rosenholz-Datei auffallen könnten.

Die noch von der Stasi mikroverfilmten Karteien der HVA haben eine lange Odyssee hinter sich. In den Wirren der Wende gelangte das brisante Material auf verschlungenen Wegen in die USA – angeblich haben es KBG-Offiziere für Millionen an die CIA verkauft. Washington verweigerte bis 2001 die Rückgabe an Deutschland, ließ aber 1993 eine Einsichtnahme zu, auf Grund derer die erste Enttarnungswelle anlief. Gegen 263 Westdeutsche wurde danach Anklage wegen Spionage erhoben; ferner erhielt die Datei eine Geheimhaltungsstufe. Erst jetzt hat das Kanzleramt diese Sperre aufgehoben. Die letzten Geheimnisse der DDR harren nun ihrer Aufklärung...

Quelle: Handelsblatt

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