Rückkehr des Reformers
Hartz V für einen Abend

Sein Name ist für die Politik verbrannt. Trotzdem versucht Peter Hartz in einem Tagungszentrum in Ansbach sein Comeback - ausgerechnet mit einem neuen Konzept für den Arbeitsmarkt. Wie der gefallene Ex-Reformer und Ex-VW-Vorstand auf die politische Bühne zurückkehren möchte.

ANSBACH. Der Mann, dessen Namen in Deutschland jeder kennt, sieht gebügelt aus wie früher. Krawatte, grauer Anzug, runde randlose Brille. Alles sitzt. Nur ist das hier keine Regierungskommission in Berlin, es wird aus der Idee, die er mitbringt, vorerst keine Reform, die seinen Namen trägt. Es ist das Tagungszentrum Onoldia in Ansbach, fränkische Provinz. Aber Peter Hartz muss froh sein, dass ihn überhaupt jemand eingeladen hat. Er will zurück ins Licht. Die Frage ist, ob man ihn lässt.

Peter Hartz, früherer VW-Vorstand, ist tief gefallen, scharfe Falten in seinem weichen Gesicht zeugen davon. Er ist der Erfinder der Agenda 2010, der größten Arbeitsmarktreform, die das Land erlebt hat. Er ist der mächtige Arbeitsdirektor, der in der schmierigen VW-Affäre um Lustreisen und Bestechung von Betriebsräten steckte und 2006 zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde. Und schlimmer noch: Sein Name steht als Synonym für Sozialabbau: Hartz IV. Hartz ist an diesem Abend gekommen, um sein neues Projekt vorzustellen. Es trägt den Titel "Minipreneure. Chancen für arbeitslose Männer und Frauen, die ihr Leben neu gestalten wollen". Es soll helfen, Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. Es ist eine Art Zeitreise rückwärts, Hartz V mit mehr Verständnis und weniger Härte und ohne nachfolgenden VW-Skandal. So in etwa.

Die Zeit wäre eigentlich nach einem Konzept, das Arbeitslosen Chancen gibt. Die Arbeitslosigkeit steigt. Das Problem ist sein Name. Hartz ist in der Politik verbrannt.

Er will es trotzdem versuchen. Er ist nervös. Unentwegt reibt er Daumen und Zeigefinger gegeneinander, spielt mit dem Deckel der Mineralwasserflasche. Als er das Projekt Ende vergangenen Jahres mal in der Arbeitsagentur Saarbrücken vorstellen wollte, gab es so viele Proteste, dass der Termin abgesagt wurde.

Einfach immer weitermachen

Nun also Ansbach. Zweite Chance, zweiter Versuch. Für die Pressekonferenz haben die Veranstalter zwei spärliche Stuhlreihen aufgestellt. Jemand von der "Woche im Blick" ist da, ein paar lokale Zeitungsjournalisten, Radio und eine Fernsehmann. Ernst blickt Peter Hartz in die überschaubare Runde: 100 Zuhörer und eine Handvoll Journalisten. Vielleicht ahnt er, dass sich die Uhr nicht zurückdrehen lässt. Mögen die Hartz-Reformen auch ihren Zweck erfüllt und zu zwischenzeitlich stark gesunkenen Arbeitslosenzahlen beigetragen haben.

"Ich bin der Meinung, dass die Arbeitsplatzreform ein Erfolg war", sagt Hartz.

Draußen auf dem Parkplatz vor dem Tagungszentrum marschieren jene auf, die das ganz anders sehen. Eine Frau verteilt Knäckebrot mit Harzer Käse, ein paar Punks haben es sich in der Sonne gemütlich gemacht. Ein Mann von der Linkspartei tritt vors Mikrofon, die langen Haare zum Zopf gebunden. Das Land, sagt er, sei von einer neoliberalen Elite heruntergewirtschaftet worden, Peter Hartz ein "krimineller Lobbyist" und "Lakai des Kapitals".

Hartz ignoriert die Protestierer. Auch später, als sie im Saal versuchen, seine Rede durch höhnischen Applaus, Zwischenrufe und Husten zu stören, arbeitet er stur seinen Redetext ab. Die Polizei führt Störer aus dem Saal, Hartz spricht weiter. Der örtliche DGB-Chef stellt eine ernstgemeinte Zwischenfrage, Hartz spricht weiter. Vielleicht ist das für ihn nun der einzige Weg: einfach immer weitermachen.

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