Rückkehr ins Amt
Althaus: Ein Mann, ein Schatten

110 Tage nach seinem Skiunfall in Österreich meldet sich Thüringens Ministerpräsident zurück. Doch ein Verhältnis zu seiner Schuld scheint Dieter Althaus noch immer nicht gefunden zu haben. Dabei wäre das so wichtig.

ERFURT. „Warum sagen Sie nicht einfach ,Ich bin schuld'?“, fragt ein Journalist. Da ist die Pressekonferenz, mit der Dieter Althaus sich am Montagvormittag als Ministerpräsident zurückmeldet, schon eine Dreiviertel Stunde alt. Althaus hat über seine Rettungsidee für das Opel-Werk in Eisenach gesprochen und über die Weltwirtschaftskrise. Hat erklärt, wie er thüringischen Unternehmen helfen will, die Liquiditätsschwierigkeiten haben. Hat Detailfragen zu Volksbegehren in Thüringen beantwortet. Althaus hat sich als einer gezeigt, der sich in der großen Politik auskennt und auch mit lokalen Gegebenheiten vertraut ist. So sollte er sein, ein kompetenter Ministerpräsident.

Für einen, dem es noch vor wenigen Wochen schwer fiel, eine Zeitung zu lesen, ist das schon eine ganze Menge.

Aber da ist eben auch der 1. Januar 2009, der Skiunfall, bei dem die 41-jährige Beata Christandl durch Althaus' Schuld zu Tode kam. 110 Tage war Althaus arbeitsunfähig. Nun ist er wieder da, ganz der Alte, sei er. Sagt er.

Engelchen schweben zur Decke des Barocksaals der Staatskanzlei in Erfurt, auch antike Göttinnen sind darauf gepinselt. Darunter steht Althaus, blütenweißes Hemd, dunkler Dreiteiler, Nadelstreifen, silberne Krawatte, makellos. Der Saal mit den dramatischen Götterszenen an der Decke soll den Endpunkt bilden für Althaus' persönliches Drama. Der vorläufige Endpunkt seines doppelten Kampfes – dem um seine Gesundheit und dem um seine Rückkehr in die Politik.

Sehnsüchtig wartet seine CDU in Thüringen darauf, dass ihr Frontmann wieder einsatzfähig ist. Am 7. Juni sind in Thüringen Kommunalwahlen, und von den Landtagswahlen am 30. August geht einen Monat vor der Bundestagswahl womöglich ein Signal für ganz Deutschland aus.

Doch vorher muss sich Althaus Fragen stellen, die so noch kein Spitzenpolitiker in der bundesdeutschen Geschichte beantworten musste: Kann ein Mann, der wegen fahrlässiger Tötung verurteilt ist, Spitzenpolitiker bleiben? Darf ein Ministerpräsident, der vorbestraft ist, sich um seine Wiederwahl bewerben? Kann Dieter Althaus seine Karriere fortsetzen, als sei nichts gewesen?

Althaus muss die Fragezeichen verscheuchen. Er hat seinen Vortrag genau strukturiert. Zwei Sorten Papier zieht er aus seiner Ledermappe mit dem Wappen Thüringens. Blätter sind darunter, die der Drucker ausgespuckt hat. Und solche, auf die er in großen, geschwungenen Buchstaben eigene Anmerkungen ergänzt und einzelne Sätze mit Neonstift markiert hat. „Der Skiunfall hat das Leben der Familie Christandl nachhaltig verändert, hat dem Mann die Frau, dem einjährigen Kind die Mutter genommen“, sagt Althaus. Er liest diese Sätze ab. Schnell. Sie stehen auf dem handschriftlichen Teil seines Manuskripts. „Aus den Gutachten ergibt sich, dass ich die Schuld trage. Daran trage ich schwer. Zum Arbeitsanfang gehört eine Wirtschaftskrise, die unübersehbar ist.“ Das sagt er ohne jeden Übergang, ohne Atempause, ohne aufzublicken.

Eben ging es um das Schicksal einer Familie, deren Leben das Skiunglück für immer geändert hat. Nun spricht Althaus von der Wirtschaftskrise, dem G20-Gipfels, steigender Kurzarbeit. Was in seinen Notizen genau unterteilt ist, kommt in der Ansprache ohne jeden Bruch daher.

Der Eindruck mag erschüttern: Da spricht jemand über den von ihm verursachten Tod eines Menschen wie über die Situation der Kalistandorte in Nordthüringen. 26 Minuten lang redet Dieter Althaus. Ganze 20 Sekunden widmet er dem Skiunfall.

„Es ist selbstverständlich, dass ich die Schuld, die sich im Gutachten ausdrückt, trage“, sagt er später, auf wiederholte Nachfrage. Natürlich denke er darüber nach, dass das Leben „sehr gebrechlich“ sein kann. Mit dem Ehemann von Beata Christandl sei er in Kontakt. Die „Schadensausgleichverhandlungen“ – er benutzt das seelenlose Juristenwort tatsächlich – gingen voran.

Althaus redet wie einer, der die Monate, die dem Unglück folgten, am liebsten vergessen machen möchte. Um weiterregieren zu können, braucht er die Nachsicht der Wähler. Dass er das Wort Schuld in den Mund nimmt, ist neu, eine Geste.

Am Neujahrstag war Althaus auf einer Piste in Österreich mit Beata Christandl zusammengeprallt. Ein österreichisches Gericht verurteilte ihn, der laut Gutachter in die falsche Piste abgebogen und ein Stück bergan gefahren war, wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe von 33000 Euro und 5000 Euro Schadenersatz. Die Verhandlungen über die zivilrechtlichen Folgen des Unfalls ziehen sich weiter hin.

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