Rücktritt vom SPD-Vorsitz
Kurt Beck: Mann ohne eigene Bataillone

Der 59jährige Kurt Beck wäre gerne bis zu seiner Pensionierung nichts als Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz geblieben. Angesichts seines einsamen Abgangs durch die Hintertür kann man dem Ex-SPD-Vorsitzenden nur nachrufen: Hätte er es doch getan! Denn Kurfürst Kurt, der "Facharbeiter für Leutseligkeit", passt zwar in die Pfalz wie die sprichwörtlichen Weinfeste. In der Polit-Metropole Berlin aber blieb er in den knapp zweieinhalb Jahren als SPD-Chef ein Fremdkörper.

DÜSSELDORF. Dem jovialen Landesvater waren die Spielregeln des Hauptstadt-Haifischbeckens immer zuwider. Und wer ihm zu bedenken gab, was an der Mosel als volksnah gelte, könne am Spreebogen schnell peinlich wirken, erntete bei Beck nur ärgerliches Schulterzucken. Beck war beratungsresistent, weil er sich nicht verbiegen lassen wollte.

Da er wusste, dass er in die Pfalz gehört, ließ Beck auch Matthias Platzeck klaglos den Vortritt, als im Oktober 2005 ein Nachfolger für den überraschend zurückgetretenen Parteichef Franz Müntefering gefunden werden musste. Als dann aber auch Platzeck schon im April 2006 aus Gesundheitsgründen aufgab, war das Führungsvakuum der Sozialdemokraten derart groß, dass Beck ranmusste.

Der Pfälzer fühlte sich zwar durchaus geschmeichelt - immerhin trat er auch die Nachfolge von Kurt Schumacher und Willy Brandt an. Beck näherte sich dem Berliner Betrieb aber ohne eigene Bataillone. Im Willy-Brandt-Haus konnte er keine Hausmacht aufbauen. Stattdessen kursierten Gerüchte, dass sich inzwischen auch die Parteizentrale in ein Haifischbecken verwandelt habe. Ratschläge, an seiner Rhetorik zu arbeiten, sich keine politischen Alleingänge mehr zu leisten und auf kritische Journalistenfragen nicht zunehmend dünnhäutig zu reagieren, lehnte er beleidigt ab. Es passt ins Bild, dass der entnervte SPD-Chef seinen Rücktritt mit einer gegen ihn gerichteten "Kampagne" und "gezielten Falschinformationen aus der Partei" begründete.

Beck scheiterte jedoch nicht nur an seinem Naturell. Er scheiterte auch an den politischen Herausforderungen und seinem strategischem Dilettantismus. Wie sollte er, der nicht gerade theorielastige gelernte Elektromechaniker, die Partei aus einer der größten Krisen ihrer Geschichte holen? Wie sollte er ihr einen neuen Kurs aufzeigen, eine neue Identität im Zeitalter der Globalisierung geben? Beck versuchte es damit, die Agenda 2010 aufzuweichen. Auf dem Hamburger Parteitag setzte er gegen den Widerstand von Müntefering Ende Oktober 2007 durch, dass ältere Arbeitslose wieder länger das Arbeitslosengeld I beziehen sollen - und trieb den Vizekanzler damit aus dem Kabinett.

Doch was zunächst wie die Sternstunde Becks aussah, machte der Pfälzer schon wenig später durch tölpelhaftes Ungeschick kaputt. In einer gar nicht so kleinen Runde signalisierte er am 18. Februar 2008, wenige Tage vor der Landtagswahl in Hamburg, Andrea Ypsilanti könne sich durchaus mit den Stimmen der Linkspartei zur hessischen Ministerpräsidentin wählen lassen. Der Hamburger SPD-Spitzenkandidat Michael Naumann sah sich durch diesen Fehler um die entscheidenden Prozentpunkte gebracht und sprach von einer politischen "Geisterfahrt" Becks. Tatsächlich hatte Beck ja zuvor ohne Not die Entscheidungsfreiheit der Landesverbände in Bündnisfragen aufgehoben und eine Zusammenarbeit mit den Linken in Westdeutschland verboten. Dieser Zickzackkurs - erst nein, dann ja und jein, weil im Bund nein - ließ zuletzt sogar die Pfälzer an ihrem "Kurt" zweifeln.

Becks Abgang von der bundespolitischen Bühne erinnert in manchem an das schmähliche politische Ende seines Förderers Rudolf Scharping. Wie Scharping hat auch Beck jetzt wieder mehr Zeit für ausgedehnte Radtouren durch die schöne Pfalz, weit weg vom verhassten Berlin.

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