Rücktritt von Roland Koch
Angst vor dem Andenpakt

Hessens Ministerpräsident Roland Koch zieht sich aus der Politik zurück und in der CDU-Spitze wächst die Sorge, dass es zu einer ähnlich fatalen Lage wie 1989 kommen könnte: zum Putsch. Christian Wulff, die letzte starke Figur des Andenpaktes, könnte Angela Merkel gefährlich werden.
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BERLIN. Verschwiegenheit gehört zum Ehrenkodex des Andenpakts. Dass jetzt doch etwas vom jüngsten Treffen dieses legendären Geheimbundes renommierter CDU-Politiker nach außen dringt, ist kein Zufall. Bei Tapas, Rotwein und Bier beriet die Männerrunde über Pfingsten im sonnigen Barcelona nicht nur über den Rücktritt von Hessens Ministerpräsident Roland Koch, man sprach auch über "die Orientierungslosigkeit der Bundesregierung" und die "Zukunft der Partei". In der Berliner CDU-Zentrale schrillten nach dem Treffen die Alarmglocken. Was plant der Andenpakt? Soll Parteichefin Angela Merkel aus dem Amt gedrängt werden?

Nun ist Christian Wulff der einzige Hoffnungsträger der Männerrunde

Zu den Details hüllen sich die Mitglieder des Geheimbundes in Schweigen. Neben Koch waren EU-Kommissar Günther Oettinger, Automobilpräsident Matthias Wissmann, BDA-Hauptgeschäftsführer Reinhard Göhner, EU-Parlamentarier Elmar Brok, Ex-Verteidigungsminister Franz Josef Jung und Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff nach Spanien gereist. Nach Kochs Rückzug aus der Politik ist Wulff der einzige Hoffnungsträger des Andenpakts, der es in der CDU ganz nach oben schaffen kann. Schließlich hat sich die Runde einst geschworen, sich gegenseitig beim Aufstieg in der Partei zu helfen.

In der Parteizentrale diskutiert man seitdem intensiv die Frage, ob Koch seinem Weggefährten Wulff die Chance eröffnen will, auf dem Bundesparteitag im November für den CDU-Vorsitz zu kandidieren - gegen Merkel. Schon geht die Angst um vor einem Putsch - so wie 1989 gegen Helmut Kohl.

Auslöser der Verschwörungstheorie ist das Pfingsttreffen des Andenpakts. Dort teilte Koch seinen Freunden mit, dass er sich aus der Politik zurückziehen werde. Seiner Parteichefin Merkel schickte er am Montag nur eine SMS-Nachricht. Zu einem Gespräch kam es erst Stunden später, weil die Kanzlerin gerade ihre Reise in die Golf-Staaten begonnen hatte und noch im Flugzeug saß. Das sei Kalkül gewesen, heißt es in der Union. "Die Ankündigung hat uns kalt erwischt", berichten Mitarbeiter der Parteizentrale.

Die hessische Staatskanzlei dementiert irgendwelche Absichten. Dennoch starren Merkels Berater sorgenvoll auf die letzte starke Figur des Männerbundes: Vize-Parteichef Wulff. Da Friedrich Merz, Oettinger und Koch nun keine Rolle mehr spielen, hat er alle Trümpfe des Pakts in der Hand. "Wulff hat sein Haus in Hannover gut bestellt und könnte die Führung in Hannover an David Mc Allister übergeben", heißt es in der Union. Ihm hatte Wulff bereits 2008 den Landesvorsitz der Partei übertragen. Er hätte damit den Freiraum, sich in der Bundespartei stärker einzubringen. Angesichts der Kritik am Führungsstil Merkels und am mangelnden Wirtschaftsprofil der Union könnte tatsächlich der Druck auf die Parteichefin wachsen, den Vorsitz an Wulff abzugeben. "Das wäre der Anfang vom Ende", sagt ein Unions-Grande.

Erinnerungen an den Niedergang der SPD werden wach

In der SPD fühlen sich einige an das Jahr 2004 erinnert, als die Partei Bundeskanzler Gerhard Schröder aus der Hand glitt und er den Vorsitz an Franz Müntefering abgab. Die Sozialdemokraten verloren ein Jahr später die Macht, auch wenn sie sich vertrauten und gut zusammenarbeiteten. Selbst an dieser notwendigen Basis gibt es aber Zweifel. "Wulff und Merkel würde niemand ernsthaft als Tandem verkaufen können", heißt es in der Union.

Fraglich bleibt, ob Wulff einen Bundesparteitag auf seine Seite ziehen kann. Daran zweifeln auch die, die über das Putsch-Szenario nachdenken. Merkel besitzt zwar keine klassische Hausmacht wie einst Kohl, der jedem Kreisvorsitzenden persönlich zum Geburtstag gratulierte. Merkel hat sich inzwischen aber einen Kreis loyaler Regierungsmitglieder aufgebaut, die für sie die Landesverbände kontrollieren können. Das gilt für Kanzleramtsminister Ronald Pofalla, die Minister Wolfgang Schäuble oder Thomas de Maizière und auch für die Staatssekretärin Julia Klöckner. "Ein entsprechender Versuch, Merkel den Parteivorsitz zu nehmen, könnte genauso scheitern wie 1989", lautet die leise Hoffnung in der Union.

Sven Afhüppe
Sven Afhüppe
Handelsblatt / Chefredakteur
Dr. Daniel Delhaes
Daniel Delhaes
Handelsblatt / Korrespondent

Kommentare zu " Rücktritt von Roland Koch: Angst vor dem Andenpakt"

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  • Dass Merkel die CDU vernichtet ist mir schon länger klar. Von dem Andenpakt hätte nur Roland Koch das Zeug gehabt, sie in die Wüste zu schicken. Statt Wulff sollte es jetzt lieber Herr zu Guttenberg in die Hand nehmen, die CDU/CSU zu retten.

  • Es gibt zu viele SPD-Wähler in diesem Forum - und auch in dem Artikel. Keine Quelle, kein Zitat, nichts, das dieses völlig belegfreie Szenario (Putsch gegen Merkel) stützen könnte. Dagegen viel, viel Spekulation...Die eigentliche Frage für mich lautet: Warum wird hier eigentlich Stimmung gegen Wulff gemacht? Auftragsarbeit für den Unions-Granden?

  • Christian WULFF ?
    Nicht wirklich.
    Der ist ja wohl das letzte, ein Lügner vor dem Herrn wie man an gebrochenen Wahlkampfversprechen sieht, und verantwortlich für die desolaten Verhältnisse in Niedersachsen.
    Den will man nicht wirklich die Republik ruinieren lassen.

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