Rücktritt von Tillich
Wie Phoenix aus der sächsischen Asche

Der Erfolg der AfD war zu groß: Stanislaw Tillich tritt nach der Schlappe bei der Bundestagswahl zurück. Generalsekretär Michael Kretschmer soll neuer Ministerpräsident in Sachsen werden. Der stand schon vor dem Karriereaus.
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BerlinUm 16 Uhr trat Stanislaw Tillich in Dresden vor die Presse. „Wir stehen heute vor großen gesellschaftlichen Herausforderungen“, erklärte der Ministerpräsident von Sachsen. Viele Ereignisse der vergangenen Jahre, kritische Beiträge und intensive Diskussionen über den inneren Zustand im Freistaat beschäftigten die Menschen, „beschäftigen mich ganz persönlich sehr“. Es habe ihn nachdenklich gemacht. „Was heißt das für mich? Was wird von mir erwartet?“ Und dann sagt er, dass neue Antworten nötig seien. „Ich weiß, dafür braucht es neue und frische Kraft.“

Vor 27 Jahren, mit der Wiedervereinigung, ging Tillich in die Politik. Es saß in der letzten Volkskammer, wechselte ins Europäische Parlament, war Staatsminister in Dresden. Es folgten neun Jahre als Ministerpräsident. Jetzt ist der 58-Jährige das erste prominente Opfer der AfD geworden. Der Einzug der Rechtspopulisten in die Parlamente ist das eine. Ob aber ein Landesvater Konsequenzen aus dem Wahldebakel bei der Bundeswahl zieht, das andere. In Sachsen war die AfD stärkste Kraft geworden. Drei Direktmandate konnte sie erobern. Es ist die Quittung für drei Jahre, in denen Tillich keine Antwort auf die Pegida-Bewegung einfiel, in denen er zwar versuchte, die Bevölkerung mit Dialogveranstaltungen zu erreichen. Aber doch scheiterte.

Die politischen Verhältnisse in Sachsen erinnern an die in Bayern: stolzer Freistaat zum einen, seit Gedenken von der Union regiert, dreimal sogar mit absoluter Mehrheit unter Kurt Biedenkopf. Spätestens als dieser sich von Tillich öffentlich abwendete und ihm die Fähigkeit absprach, das Land zu regieren, war das Ende der Ära Tillich besiegelt. Die Entwicklung erinnert sehr an die in Bayern, wo auch Ministerpräsident Horst Seehofer sich seit der Wahl mit Rücktrittsforderungen konfrontiert sieht und mit den Jamaika-Verhandlungen in Berlin versucht, sein politisches Überleben zumindest etwas hinauszuzögern.

Der Erfolg der AfD war zu groß, die Landtagswahl im Herbst 2018 liegt zu nah, als dass der drohende Verlust der absoluten Mehrheit in Bayern ohne Konsequenzen bliebe. Auch Seehofer steht vor der Frage, ob er auf dem Parteitag, der im November oder Dezember stattfinden wird, seine Ämter zur Verfügung stellt. Auch hier gibt es den Wunsch, Jüngeren Platz zu machen. Übrigens drängen die Jüngeren auch im Bund nach vorne und fordern mehr Ämter und Verantwortung, bevor Kanzlerin Angela Merkel abtreten sollte. Es geht um geordnete Verhältnisse.

In Sachsen hat der Sorbe Tillich die Probleme gesehen, aber er fand kein Bürgertum, das sich hinter ihn scharte und mit prominenter Stimme frühzeitig gegen Pegida und AfD Front machte. In der Landeshauptstadt etwa wählen sie entweder AfD oder Linke. In der Innenstadt zeugen nur wenige Zeichen von den Probleme, die Sachsen hat: Mit einem Plakat samt Konterfei von Papst Franziskus wirbt etwa das Bistum: „Mischt Euch ein!“ Zu den Unterstützern gehören Ministerpräsident Tillich, aber auch der SPD-Chef Martin Dulig und der Fraktionschef der Linken.

Vor der Semper-Oper wehen bunte Fahnen, auf denen: „Augen auf“, „Herzen auf“ und „Türen auf“ steht. In den Fenstern der Oper steht auf einem großen Transparent der Verweis aufs Grundgesetz: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, verbunden mit dem Wunsch: „Für ein weltoffenes Dresden.“ Es ist der leise Schrei nach Anstand und Menschlichkeit des nur schwach ausgeprägten Bürgertums im Land. Zugleich fordert Landesvater Stanislaw Tillich angesichts der Stärke der AfD, die CDU wieder rechts von der Mitte zu verorten und sieht sich darin durch seinen Kollegen in Sachsen-Anhalt, Reiner Haseloff bestätigt. Er fordert schon lange eine Obergrenze für die Aufnahme von Flüchtlingen. Auch Seehofer gehört zu denen, die „die rechte Flanke schließen“ wollen.

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Mandat verloren, Amt gewonnen

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  • Jeder, der ihn kennenlernen durfte, weiß: Tillich ist ein Ehrenmann! Deshalb schmerzt es ganz besonders mitzuerleben, wie unfair man ihn teilweise behandelt hat. Und eines sollte auch sein Rücktritt nicht vergessen machen: Es ist die Kanzlerin, die die Hauptverantwortung für das historische Wahldesaster der Union trägt. Niemand sonst. Und schon gar nicht Tillich.
    Es ist schon paradox: Tillich tritt zurück, Seehofer strauchelt, aber die Hauptverantwortliche scheint völlig immun gegen jedwede Kritik zu sein. Sie hat angeblich alles richtig gemacht und einen klaren Wählerauftrag bekommen. Hallo! Leben wir eigentlich noch in einer Welt der Aufklärung? Oder schon auf einem Narrenschiff? Absurdistan lässt jedenfalls grüßen!

  • @Joachim Nettelbeck, 8:13

    Geht es etwas genauer?
    Was sind die Ursachen, welche die AFD stark machen?
    Wer oder was ist die Alernative zu Merkel?

  • Kapiert es doch endlich mal: Es geht nicht darum, "gegen die AfD Front zu machen". Es geht darum, die Ursachen zu bekämpfen, die die AfD stark machen. Eine ganz wesentliche Ursache heißt übrigens Angela Merkel.

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