Ruhe oder Querschüsse?
Die SPD und die Angst vor dem Wochenende

SPD-Chef Franz Müntefering dürfte diesem Samstag mit banger Erwartung entgegensehen: Halten sich die eigenen Leute, allen voran die Fraktionsvizes Michael Müller und Ludwig Stiegler, mit Querschüssen zurück?

HB BERLIN. Der Parteichef redete seinen Stellvertretern ins Gewissen. Sie sollten nun endlich Ruhe geben mit den ständigen Querschüssen, gab sich Franz Müntefering bei der außerplanmäßigen Telefon-Schaltkonferenz der SPD-Fraktionsspitze am Freitag viel Mühe. Eine feste Zusage, dass mit den verbalen Amokläufen nun endgültig Schluss sei, war aus den Lautsprechern aber nicht zu vernehmen.

Mit viel Nervosität blickt die SPD-Spitze deshalb auf das Wochenende. Gespannt ist man dort, ob die Müntefering-Stellvertreter Michael Müller und Ludwig Stiegler erneut daran gehen, ohne Rücksicht auf Verluste in Interview für Verwirrung zu sorgen. Beiden müsse klar sein, dass sie unter Bewährung stünden, lautet die klare Erwartung. Halten sie sich jetzt nicht an die deutlichen Warnungen, dürfte eine besonders turbulente SPD - Fraktionssitzung am Dienstag anstehen.

Insbesondere für das Verhalten des unberechenbaren "Michi" Müller mag allerdings niemand so recht die Hand ins Feuer legen. "Der braucht die öffentliche Aufmerksamkeit wie andere Leute Viagra", lautet eine in der SPD kursierende Einschätzung. Dem Sprecher der Fraktions-Linken, der laut SPD-Kennern im Rheinischen an einem genossenschaftlich organisierten Beerdigungsunternehmen mit ökologischer Ausrichtung beteiligt ist, sei es dabei offenbar ziemlich egal, ob er sich auch noch zum "Mit-Totengräber der SPD" mache.

"Franz Müntefering denkt an den Wahltag am 18. September, Müller bereits an den 19. September", heißt es aus der SPD. Müller und seine Mitstreiter treibe vor allem die nicht ganz unrealistische Aussicht um, dass in den Geschichtsbüchern zu lesen sein wird, die SPD-Linke habe wieder einmal - wie bei Helmut Schmidt - den eigenen Kanzler zu Fall gebracht. Anders seien die jüngsten "Ausraster" von Müller, Stiegler und anderen nicht zu erklären.

Dass sich auch Mitglieder des rechten "Seeheimer Kreises" an der vielstimmigen Beschimpfung von Bundespräsident Horst Köhler kräftig beteiligten, wird als Ausdruck für anhaltende Orientierungslosigkeit in der Partei gewertet. "Unsere Heuschrecken, die über die SPD herfallen", heißt es deshalb in der SPD spöttisch in Anspielung auf die von Müntefering angestoßene Kapitalismus-Debatte.

Es gebe ja leider "kein Parteigefängnis, in das man jemand einweisen kann", bedauerte ironisch Kurt Beck mit Blick auf diejenigen, die sich da "vergaloppiert haben". Immerhin fühlte sich der rheinland-pfälzische SPD-Regierungschef aber auch zu der Feststellung veranlasst: "Die Partei wird noch geführt."

Dies muss der Doppelvorsitzende Müntefering, dessen Autorität durch die Anti-Köhler-Debatte auch nach eigenem Eingeständnis gelitten hat, in den kommenden Tagen unter Beweis stellen. Dass er fest gewillt ist, den eigenen Laden irgendwie zusammenzuhalten, daran lässt er keinen Zweifel. Ob ihm das gelingt, dürften schon die nächsten Tage zeigen.

Wie unkalkulierbar schnell sich derzeit die jeweiligen Lagen ändern, zeigt der Ablauf der Woche. Wurde Müntefering noch am Dienstag von eigenen Genossen als baldiger Nachfolger für Gerhard Schröder im Kanzleramt ins Gespräch gebracht, wird seine Führungskraft nun oft von den selben Leuten in Frage gestellt und schon nach einem neuen Vorsitzenden Ausschau gehalten.

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