Russland erinnert sich
Stolz auf den Sieg, aber ohne Hass

Hitlers Krieg gegen die UdSSR kostete rund 27 Millionen Sowjetbürger das Leben. Ihren Sieg feiern die Russen auch 70 Jahre danach noch ausgiebig – dennoch sind die Deutschen ungemein beliebt.
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Moskau/DüsseldorfJedes Jahr am 9. Mai feiert Russland den Sieg über Hitler-Deutschland. Wie zu Sowjetzeiten lässt der Kreml bei einer Militärparade Panzer und Langstreckenraketen über den Roten Platz fahren – ein Land genießt das Wohlgefühl militärischer Stärke. Der Anlass für die Feier ist mehr als legitim: Denn Hitlers „Unternehmen Barbarossa“, das vor 70 Jahren begann, brachte 27 Millionen Sowjetbürgern bis 1945 den Tod - und es kostete das Land ungeheure Kraft, die Aggressoren abzuwehren.

Meinen Geschmack trifft die militaristische Show indes nicht; Jahr für Jahr verlasse ich Moskau. Den letzten „Tag des Sieges“ habe ich auf der Datscha einer Freundin östlich der Hauptstadt zugebracht. Vor dem Spaziergang ermahnte uns deren Mutter eindringlich, um Gottes Willen nicht Deutsch zu sprechen – wir haben uns nicht daran gehalten.

Warum auch? Seit fast vier Jahren lebe ich als Korrespondent in Moskau, nie habe ich auf irgendeine Art Feindseligkeit verspürt. Dabei hätte ich hierfür durchaus Verständnis. Selbst in privaten Gesprächen fragt niemand, was meine Groß- oder Urgroßeltern im Zweiten Weltkrieg gemacht haben. Dabei würde ich offen darüber sprechen und voller Demut betonen, dass sich ein solcher Krieg niemals wiederholen darf.

Für die meisten Russen ist diese Schlussfolgerung so selbstverständlich, dass sie das gar nicht betonen wollen. „Der Krieg scheint vergessen“, meint auch Alexander Rahr, Russland-Experte beim Berthold-Beitz-Zentrum der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Berlin. Heute liege Deutschland nach Weißrussland auf Platz zwei der in Russland beliebtesten Völker, sagt Rahr, wenn vom Krieg die Rede sei, spreche man meist von „Hitler-Deutschland“ und grenze somit die Bundesrepublik von ihrer Vergangenheit ab.

Entsprechend ist Hitlers „Unternehmen Barbarossa“, das der schlimmste Schlächter der deutschen Geschichte wohl schon in den zwanziger Jahren im Sinn hatte, heutzutage keine Hypothek für die russisch-deutschen Beziehungen mehr. Die Russen verehren deutsche Wertarbeit, die unter dem Mercedes-Stern steckt, sie bewundern die deutsche Ordnung, den Regelkonformismus und erwarten von mir deutsche Pünktlichkeit – auch wenn das nicht meine Stärke ist. Stereotype wollen gepflegt werden.

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  • Einfach Klasse !
    Wie soll man sowas kommentieren ?
    Da bleibt man fast sprachlos.

    Nach dem der Raubüberfall (kriegerische Versuch) gescheitert ist, muß man es halt als Bettler probieren.
    .

  • Es ist schoen das zu lesen. Dabei wuensche ich mir, dass auch wir in Deutschland dem neuen Russland den Respekt zeigen, der ihm gebuehrt. Neben der Pflege neuer freundschaftlicher Gefuehle beider Laender verbinden uns auch gemeinsame Interessen. Russland braucht europaeische Investitionen und industrielles Wissen. Europa braucht russische Rohstoffe, insbesondere Energie. Auch zur Ernaehrungssicherheit von Europa wird Russland in der Zukunft einen betraechtlichen Beitrag leisten koennen. Wechselseitige Investitionen sind unbedingt zu begruessen und Hindernisse beidseitig aus dem Weg zu raeumen.

    Russlands menschenleerer Osten stellt durch die bevoelherungsreichen suedlichen Nachbarn immer eine sicherheitspolitische Herausforderung dar. Durch gegenseitige Beruehrungsaengste nach dem Ausklang der Ost-West Konfrontation haben Russland und Deutschland viel Zeit verloren. Die Nato muss noch mehr auf Russland zugehen. Und Russland und Deutschland haben gegenueber Polen eine Bringschuld. Deutsch-russische Freundschaft wird nicht gedeihen koennen, wenn man die Polen nicht ins Boot holt und ihnen versichert, dass sich Vergangenheit nicht wiederholen wird.

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