RWI-Experte Augurzky
„Zahl der Kassen muss schrumpfen“

Die neuen Schätzungen zum Milliardendefizit der Krankenkassen werfen neue Zweifel am Konzept des Gesundheitsfonds auf. RWI-Gesundheitsexperte Boris Augurzky erklärt, was die Ursache für die Finanzierungslücke ist und worin die Vorteile des Gesundheitsfonds liegen.
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Frage: Nach einer aktuellen Schätzung werden im kommenden Jahr 7,45 Milliarden Euro in der gesetzlichen Krankenkasse fehlen. Woran liegt das?

Boris Augurzky: Die Zahlen überraschen uns nicht, diese Einschätzung teilen wir auch. Die Hauptursache dafür sind die geringeren Einnahmen durch die hohe Arbeitslosigkeit, die im kommenden Jahr erwartet wird. Der Gesundheitsfonds ist aber nicht die Ursache für das Defizit im kommenden Jahr. Im Gegenteil: Der Fonds ist sinnvoll und sollte beibehalten werden.

Die FDP will ja genau das Gegenteil. Sie kritisiert vor allem die starren Beitragssätze, die den Wettbewerb der Krankenkassen untereinander behindere.

Das ist falsch. Der Gesundheitsfonds ist auf Wettbewerb ausgelegt. Im Moment sieht das nur keiner. Die Krankenkassen haben nämlich durchaus die Möglichkeit, ihre Beiträge flexibel zu gestalten: Über die Zusatzbeiträge. Diese Möglichkeit wird im kommenden Jahr sicher auch genutzt werden.

Besteht auch Verbesserungsbedarf bei der jetzigen Form des Gesundheitsfonds?

Die Begrenzung der Zusatzbeiträge auf maximal ein Prozent des Einkommens des Krankenkassenmitglieds halte ich für ein großes Problem. Dadurch werden Krankenkassen mit einem hohen Anteil an einkommensschwachen Mitgliedern benachteiligt. Diese Grenze sollte abgeschafft werden.

Würde das nicht die einkommensschwachen Menschen benachteiligen, die sich die höheren Zusatzbeiträge nicht leisten können?

Die könnten ja dann zu einer günstigeren Krankenkasse wechseln. Alle Versicherungen müssen ja bestimmte Basisleistungen anbieten. Was darüber hinaus geht, kostet eben auch mehr Geld. Eine Stellschraube, um die Kosten zu senken, ist zum Beispiel die Reduzierung des Service.

Ein oft kritisierter Punkt am Gesundheitsfonds ist auch die Mittelverteilung: Gerade kleine Krankenkassen können die pauschale Mittelzuweisung nicht ausgleichen und erwirtschaften oft Defizite, wenn zu viele ihrer Mitglieder höhere Leistungen benötigen, als jene, die durch die Pauschale abgedeckt sind.

Eine Krankenkasse mit nur 100 000 Mitgliedern ist nicht sinnvoll. Da sind schon die Verwaltungskosten viel zu hoch. Deshalb wäre es gut, wenn die Zahl der heute 300 Krankenkassen auf 100 Kassen schrumpft. Natürlich sollten die Zusammenschlüsse vom Kartellamt beaufsichtigt werden. Ich sehe jedoch momentan keine Gefahr der Monopolisierung der Krankenkassen.

Die FDP würde die gesetzlichen Krankenkassen ja am liebsten ganz abschaffen und nur noch private Kassen verbunden mit einer Versicherungspflicht beibehalten. Ist dieser Vorschlag realisierbar?

Nein. Wenn es nur noch private Krankenversicherungen gäbe, würden die Kosten explodieren. Rechnungen für Privatpatienten fallen in der Regel im Vergleich zu Rechnungen an Kassenpatienten wesentlich höher aus. Viele Ärzte verlangen von privaten Verischerten oft über das doppelte des durchschnittlichen Satzes. Deshalb braucht man einen Kostendeckel. Weil weder die Ärzte noch die Patienten Interesse an einer solchen Begrenzung haben, müssen die Kassen dafür sorgen.

Wie kann die Finanzierung der Krankenkassen auch in Zukunft gewährleistet werden?

Wir stehen bereits heute vor einem doppelten Problem: Zum einen steigt wegen der Alterung der Gesellschaft die Nachfrage nach Leistungen. Zum anderen gibt es aber wegen der demografischen Entwicklung auch immer weniger Beitragszahler. In den nächsten 20 Jahren wird es deshalb immer eine Finanzierungslücke geben, wenn nichts geändert wird.

Wie könnte eine solche Änderung aussehen?

Es gibt drei mögliche Ansätze: Erstens könnten die Beitragssätze erhöht werden. Zweitens könnten die Leistungserbringer, also die Ärzte, Krankenhäuser und Apotheken, effizienter arbeiten. Drittens könnten die Patienten mehr Eigenbeteiligung leisten, zum Beispiel durch die Praxisgebühr oder einen pauschalen Betrag, bis zu dem die Patienten die in Anspruch genommenen Leistungen selbst bezahlen müssen. Das ist zwar unpopulär, um das System stabil zu halten, sind die Maßnahmen aber nötig.

Boris Augurzky ist Leiter des Kompetenzbereichs Gesundheit am Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen.

Dana Heide ist Korrespondentin in Berlin.
Dana Heide
Handelsblatt / Korrespondentin

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