S-Bahn-Chaos
Wowereits Schmusekurs mit der Bahn

Auf Berlins S-Bahnhöfen ist immer noch Chaos angesagt. Seit nunmehr über drei Wochen drängeln sich die Fahrgäste auf den Bahnsteigen und in den oft verkürzten S-Bahn-Zügen. Ein Ende ist noch nicht absehbar.

BERLIN. Angefangen hat alles mit einer Anordnung des Eisenbahnbundesamtes, das auf einen Schlag 400 Wagen stilllegte, um versprochene, aber unterlassene Sicherheitstests zu erzwingen. Das Chaos hat bereits Konsequenzen gehabt: Die drei Geschäftsführer des Tochterunternehmens der Deutschen Bahn-AG mussten gehen. Der Senat kürzte für jeden ausfallenden Zug die Überweisungen an die S-Bahn.

Eigentlich müsste das Klima zwischen dem Berliner Senat und der Bahn nun vollständig vergiftet sein. Denn die Misere ist auch darauf zurückzuführen, dass unter dem Sparregime von Ex-Bahn-Chef Hartmut Mehdorn die Berliner S-Bahn-Werkstätten schlossen, einsetzbare Fahrzeuge verschrotteten und massiv Personal abbauten, das nun fehlt. Doch beim Berliner Bahn-Gipfel, zu dem Berlins Regierungschef Klaus Wowereit mit dem neuen Bahnchef Rüdiger Grube zusammentraf, war davon nichts zu spüren. "Man könnte ja jetzt hemmungslos auf die Bahn einhauen", sagte Wowereit nach dem Treffen. Und tat dann so ziemlich das genaue Gegenteil.

Immerhin sei die Bahn mit ihren rund 18 300 Beschäftigten am Berliner Hauptsitz der größte Arbeitgeber der Hauptstadt. Außerdem bilde die Bahn immer noch über Bedarf aus und gebe damit jungen Berlinern eine Zukunftschance, lobte Wowereit den neuen Bahnchef. Die Probleme mit der S-Bahn müsse man nun konstruktiv angehen. Nachkarten helfe da nicht weiter.

Grube zeigte sich dankbar und versprach, alles zu tun, um die Probleme mit der S-Bahn bis zum Start der Leichtathletikweltmeisterschaften Mitte August in den Griff zu kriegen. Beifällig nickte Grube, als Wowereit berichtete, der Bahnchef habe ihm versichert, dass der gescheiterte und von der SPD heftig abgelehnte Börsengang der Bahn nun auf Jahre hinaus kein Thema sein werde. Genau dieser Börsengang ist aus Sicht des rot-roten-Senats auch der Hauptgrund für die S-Bahn-Misere. Denn statt ihre Überschüsse in den Betrieb zu stecken, musste sie jedes Jahr mehr Geld an die Konzernmutter abführen. Außerdem hat Wowereit ganz andere Pläne mit der Bahn, die ein kleinlicher Streit um die S-Bahn nur unnötig stören würde.

Er will, dass die Bahn ihren Hauptsitz in Berlin ausbaut. Mehdorn hatte nach Querelen mit dem Senat mit einer Verlagerung nach Hamburg gedroht. Dazu hatte Grube konkrete Zusagen im Gepäck. Neben der Zentrale am Potsdamer Platz will die Bahn ihren Standort am Hauptbahnhof weiter ausbauen. Am Nordbahnhof soll ein weiterer Gebäudekomplex angemietet werden.

Auch bei der Schienenanbindung des neuen Berliner Großflughafens BBI demonstrierten Wowereit und Grube weitgehend Einigkeit. So soll es auch eine Fernanbindung des neuen Airports nach Hamburg und Krakau geben. Wowereit will allerdings mehr: Er möchte, dass zusätzlich mindestens eine IC- oder ICE-Linie, die heute noch über die Stadtbahn verkehrt, über den BBI geleitet wird. Ein Problem, dass sich sicher mit dem neuen Bahnchef lösen lassen wird.

Der versprach den S-Bahn-Kunden erneut, dass sie als Ausgleich für das Chaos dieser Tage im Dezember gratis fahren dürfen. 20 Mio. Euro will sich die Bahn das kosten lassen. Den Gesamtschaden der S-Bahn-Misere für die Bahn bezifferte Grube auf über 50 Mio. Euro.

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