Saar-Grüne
Applaus ist lauter als die Buhrufe

Das kleine Saarland hisst die Jamaika-Flagge. Der Fahnenträger heißt Oskar Lafontaine. Wie die Entscheidung der Grünen für Koalitionsverhandlungen mit CDU und FDP zustande kam.

SAARLOUIS. „Zu diesem Mann habe ich keinerlei Vertrauen“, wettert Hubert Ulrich im Vereinshaus in Saarlouis. Ulrich ist der überragende, der starke Mann der Saarland-Grünen. Nach sechs Wochen Sondierung mit CDU, FDP, SPD und Linken will er nun nicht Rot-Rot-Grün – sondern Jamaika.

Bis zum Schluss hatte der graumelierte Mann im schwarzen Jackett eisern über seine Vorliebe geschwiegen. Die Parteibasis war gespalten, ziemlich genau in der Mitte. Die Bundespartei drängte sanft in Richtung Rot-Rot-Grün. Doch am vergangenen Freitag lieferte Lafontaine dem Saarländer Ulrich das Argument, das für die Grünen am Sonntag den Ausschlag gibt: Völlig überraschend auch für die eigene Partei verkündete Lafontaine seinen Rückzug von der Fraktionsspitze im Bundestag und den Wechsel in den Saarbrücker Landtag.

Davon hatte Lafontaine in den Gesprächen mit den Grünen und der SPD im Saarland kein Wort gesagt. Die gingen davon aus, er wolle die rot-rot-grüne Koalition in seiner Heimat aus der Ferne begleiten. Nun aber „will er sich als Nebenministerpräsident neben Heiko Maas etablieren“ – für Ulrich schlicht „ein Affront“.

Ulrich argumentiert trocken und sachlich. Doch nach der 40-minütigen Rede, die rhetorisch und psychologisch Lafontain'sche Qualitäten aufweist, ist im Vereinshaus ziemlich klar, dass die Mehrheit den unkonventionellen Weg nach Jamaika mitgehen wird. Schließlich stimmen dem 117 der 158 Delegierten zu, wenn auch zähneknirschend und sorgenvoll. Die Grünen vom linken Flügel drohen zwar mit Spaltung, warnen vor fliehenden Wählern, flehen darum, nicht „Steigbügelhalter“ für den alten CDU-Ministerpräsidenten Peter Müller sein zu müssen, den sie doch so gern in die Wüste schicken wollten. Doch der Applaus ist lauter als die Buhrufe, als Ulrich für Jamaika wirbt.

Die Inhalte boten am Ende keine Hilfe mehr für die Entscheidung zwischen Rot-Rot-Grün oder Jamaika. Beide Seiten hatten den Grünen so viele Brautgeschenke gemacht, dass schließlich „fast zwei gleiche Angebote vorliegen“, versichert Ulrichs Co-Parteichefin Claudia Willger-Lambert. Linke und SPD hatten sich endgültig von Kohlebergbau und Kohle-Großkraftwerken verabschiedet, Union und FDP die Studiengebühren geopfert und längeren gemeinsamen Unterricht zugebilligt. Beide Lager offerierten den Grünen, die gerade mal drei Abgeordnete aufbieten können, zwei Ministerien angeboten.

„Besonders stolz“ macht Ulrich, dass der Christdemokrat Peter Müller gar die Kehrtwende in der Atompolitik gewagt hat. Zum Ärger vieler Parteifreunde redet Müller nun gegen Laufzeitverlängerungen für Kernkraftwerke. An dieser Stelle lässt Ulrich klar durchblicken, dass Lafontaine zwar ein Ärgernis, nicht aber der entscheidende Grund für das Wagnis Jamaika ist.

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