Saarland nach der Wahl
Der verspätete Flug der Möchtegern-Mächtigen

Morgenstund hat Frust im Mund. Es ist 5.48 Uhr, Wahlschlacht und Schlachten am Buffet sind geschlagen. Die Spitzenkandidaten der saarländischen Landtagswahl treffen sich „am Morgen danach“. Ein Morgen voller Spitzen, Frust und einer Flug-Verspätung.

SAARBRÜCKEN. Nach kurzer Nacht kommt Saarlands SPD-Spitzenmann Heiko Maas drahtig in die Abflughalle des Saarbrücker Flughafens gestiefelt. Der Lautsprecher verkündet: „Wegen eines Streiks bei Air Berlin verzögert sich Ihr Flug um zwei Stunden.“ Auch der Spitzenkandidat der Grünen, Hubert Ulrich, und der der saarländischen FDP, Christoph Hartmann, kommen mit Parteifreunden zu den Schaltern. Maas dreht da in seinem braunen Sommeranzug schon wieder ab Richtung Ausgang: „Das ist natürlich einer der Vorteile eines Ministerpräsidenten, der wird bei Verspätungen vorgewarnt.“

Ministerpräsident Peter Müller, der ebenfalls den Flug gebucht hatte, sitzt da schon in seinem silbergrauen Dienst-Mercedes und rauscht gen Frankfurt, um mit der Lufthansa schneller nach Berlin zu kommen. „Der will wohl die frohen Gesichter von uns Sozialdemokraten nicht noch mal sehen“, frotzelt die SPD-Bundestagsabgeordnete Elke Ferner an der Seite von Maas.

In der Tat: Morgenstund hat Frust im Mund – vor allem für Müller. Nach der Klatsche vom Vorabend – minus 13 Prozentpunkte für seine CDU – nun auch noch der Umweg über Hessen. Dabei hatten Maas und Müller im Vorfeld betont, sie seien „saarländische Patrioten“ und flögen „selbstverständlich ab Saarbrücken“.

Das war eine weitere Spitze gegen den neuen-alten starken Mann an der Saar: Oskar Lafontaine. „De Oskar“, wie seine Landsleute im Südwestzipfel der Republik ihren früheren Landesvater noch immer nennen, hatte schon im Vorfeld erkennen lassen, dass er mit Germanwings von Zweibrücken fliegt – also ausgerechnet aus Rheinland-Pfalz. Denn der Linken-Chef, so verlautet aus seinem Umfeld, hasse die „neoliberalen Kolumnen“ im Bordmagazin von Air-Berlin-Chef Joachim Hunold. So verpasst Lafontaine das aktuelle Editorial des Hefts, in dem Hunold die „SED-Diktatur“ geißelt und die früheren Ost-Bürger fragt: „Wer will schließlich zugeben, dass er mal mit den Wölfen geheult hat?“

In der Zwischenzeit nutzen Vertreter von SPD und Grünen die zwei Stunden im Wartesaal für gemeinsame Gespräche in kleinen Kreisen. Schon am Wahlabend hatten Maas und Ulrich fast im Stundentakt miteinander telefoniert, berichten Parteienvertreter. Denn später im Flieger können sie nicht miteinander reden: SPD-Mann Maas liest auf Platz 6E Zeitungen, Grünen-Landeschef Ulrich döst ermattet von Dauer-Interviews bis tief in die Nacht auf Sitz 21D. Keine Machtperspektive hat der erst 37-jährige FDP-Spitzenmann Christoph Hartmann. Beim Ringen um Rot-Rot-Grün fällt sein gutes Ergebnis von 9,2 Prozent der Stimmen nicht ins Gewicht. Und zum Plausch über eine mögliche Jamaika-Koalition fehlt ihm Flug-Umbucher Müller.

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