Schadensersatz: Stromkonzerne wollen gegen AKW-Abschaltung klagen

Schadensersatz
Stromkonzerne wollen gegen AKW-Abschaltung klagen

Mit Schadenersatzforderungen und Widersprüchen wollen die Energieriesen gegen die Abschaltung von sieben Atomkraftwerken vorgehen. Der Widerstand der Wirtschaft gegen Merkels Atomwende wächst.
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Hamburg, Frankfurt/MainDie Stromkonzerne bereiten Widersprüche und Schadenersatzforderungen wegen der Zwangsabschaltung der sieben alten Atomkraftwerke vor. „Wir müssen das prüfen“, sagte eine RWE-Sprecherin am Samstag auf Nachfrage und bestätigte damit einen Bericht des „Spiegels“. Juristen aus dem RWE-Umfeld sagten dem Nachrichtenmagazin zufolge, allein aus aktienrechtlichen Gründen gebe es kaum andere Möglichkeiten, als das von der Bundesregierung beschlossene Moratorium juristisch zu prüfen und anzufechten.

Demnach muss ein Einspruch gegen den Beschluss spätestens in der zweiten April-Woche bei den Aufsichtsbehörden eingegangen sein. Der Vorstand des Energieversorgers E.ON wolle darüber in den nächsten zehn bis 14 Tagen entscheiden, heißt es in dem Bericht.

Merkel-Kritiker wollen dem Nachrichtenmagazin zufolge ein eigenes Beratungsgremium zur Kernenergie aufstellen. Die Kanzlerin hatte eine Ethik-Kommission berufen. Dort will BASF-Chef Jürgen Hambrecht für die Kernenergie werben. „Wir können doch nicht einfach aussteigen und uns den Strom aus dem Ausland holen, der dort mit Kernkraft erzeugt wird und uns dabei wohlfühlen“, sagte er der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ . 

Die deutschen Maschinenbauer haben vor den Folgen eines schnellen Atomausstiegs gewarnt. Alternative Energien könnten Strom aus Kernenergie nicht ersetzen, sagte der Präsident des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), Thomas Lindner, der Zeitung „Euro am Sonntag“. Es nütze nichts, „wenn am Ende 80 Prozent der Atommeiler vom Netz gehen, wir keinen Wind haben und der Himmel vielleicht auch noch bedeckt ist“. Dann könnten das deutsche und sogar das europäische Stromnetz zusammenbrechen. 

Außerdem wären energieintensive Unternehmen wie zum Beispiel kupfer-, stahl- oder aluminiumverarbeitende Betriebe bei einem weitreichenden Atomausstieg in ihrer Existenz bedroht, sagte Lindner. 

Die Autokonzerne Volkswagen und Daimler sehen hingegen nach einem Bericht der „Wirtschaftswoche“ einem solchen Szenario gelassen entgegen. Auch die Pläne der Konzerne für einen höheren Anteil von Elektroautos müssten nicht geändert werden. „Bis die Elektromobilität in vollem Umfang auf unseren Straßen vertreten ist, werden wir auch alternative Energien haben, die aus erneuerbaren Quellen stammen“, hieß es demnach bei VW. Daimler verwies darauf, dass sich der Strombedarf selbst beim Einsatz von einer Million Elektroautos nur um 0,3 Prozent erhöhen würde. 

Auch die Strompreiserhöhungen infolge eines schnellen Ausstiegs aus der Atomkraft wären zumindest für die Autoindustrie zu verkraften, hat das Center Automotive Research (CAR) der Universität Duisburg-Essen nach Angaben der „Wirtschaftswoche“ errechnet. Die Herstellung eines 20.000-Euro-Fahrzeugs würde sich demnach um 190 Euro verteuern, wenn der Strompreis um zehn Prozent steigt. Dies bedeute aber nicht automatisch, dass Autos langfristig teurer werden oder die Gewinne der Hersteller schrumpfen. „Höhere Strompreise würden die Hersteller zwingen, die Effizienz zu steigern“, sagte Ferdinand Dudenhöffer, Autor der Studie, dem Magazin.

Agentur
dapd 
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dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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  • Fukushima:Dieses hat deutlich aufgezeigt das alte Kernkraftwerke frühzeitig durch neue ersetzt werden müssen.Da hilft dumme grüne Propaganda mache wenig,da eben die mit Ihrem Ausstiegswahn die Erneuerung verhindern.Also schaltet Euren alten Dreck ab und baut neue.

  • @Peter Scholz
    Bühnenstück ist richtig! Es ist beschämend!
    Ich unterhielt mich gestern mit einer Arbeitskollegin: Frage von mir an sie: Glaubst du, Merkel meint es ehrlich mit dem Moratorium? Ist sie vom Japan-Gau aufgeschreckt worden? Oder ist das nur ein Wahlkampftrick? Ihre Antwort: Ich glaube, sie meint es ehrlich, kein Wahlkampftrick.

    Tja Herr Scholz, und da wundern mindestens wir beide uns, daß Merkel ihre Macht behält. Die Naivität in unserem Lande ist grenzenlos. Wenns nicht mein Leben kosten würde, wär ich für ne Kernschmelze direkt hier bei uns. Alles andere hilft nicht.

    @Oelblase
    Du hast recht, es geht (in Japan) wirklich ums Ganze. Die Vergiftung ist sprichwörtlich grenzenlos. Je länger die daran rumpfuschen, umso mehr gelangt in die Umwelt. So ist jedenfalls mein Eindruck. Auch wenn mir diese armen Schweine, die da aufräumen müssen, wahrhaftig leid tun. Sie werden geopfert. Meiner Meinung nach sollten da die Führungsköpfe geopfert werden, das machte mehr Sinn.

  • Wahrscheinlich könnten die Betreiber der AKW nach §19 Atomgesetz gegen die Stilllegung der Meiler klagen und – sie bekämen sogar Recht. Aber sie werden es nicht wagen. Sie werden den Bogen nicht überspannen und den Steuerzahlern die Rechnung vorlegen. Sie werden eher versuchen aus der momentanen gesellschaftlichen Atomdebatte herauszukommen und nicht noch der Anti-Atombewegung zusätzliches Futter für weitere Proteste geben. Denn die Atompolitik der Betreiber ist auch Realpolitik.

    Zur Realpolitik gehört aber auch, dass wir aus der Erzeugung von Atomstrom nicht aussteigen können ohne dass es einer merkt. Weder am Preis noch am Verbrauch. Diesen Schwenk müssen wir akzeptieren.
    Eventuell erleben wir gerade eine Zäsur ähnlich wie im Mittelalter als uns die Pest oder Cholera heimsuchte. Mit der sind wir auch fertig geworden, warum nicht mit der Heimsuchung der Atomenergie. Gelingt uns der Ausstieg nicht über die Einsicht, dann degradieren wir uns zu ewigen Reparateuren, aber nicht zu Planern des Geschehens. Vielleicht bedarf es nur eines Flügelschlags wie in der Schwarmtheorie und der Schwarm nimmt eine andere Richtung.

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