Deutschland
Schätze der Arbeit

Durch das gekippte Fenster lärmt die Arbeit hinein in das sechs Quadratmeter kleine Zimmer mit Glastür: Der Leipziger Marktplatz wird umgebaut. Wer sich hier zum Gespräch hersetzt, wählt meist den Stuhl mit dem Rücken zum Fenster, abgewendet von denen da draußen, die haben, was der Bewerber nicht hat: eine feste Stelle.

LEIPZIG. So wie Roland Bauer (Name von der Redaktion geändert). Bis 1998 war er bei einem Straßenbauunternehmen angestellt, dann folgten Kündigung und befristete Jobs. Zupacken kann er, davon zeugen kräftige Hände und Arme. Braun gebrannt sind sie von zu viel Freizeit im Sonnenschein. Doch seine Stimme ist leise, fast schüchtern: „Ich bin doch noch zu jung, um nur hier und da ein Stückchen zu machen“, sagt der Mittvierziger. Nun droht ihm auch noch der Verlust aller Einnahmequellen: Seine Frau „verdient gut“ als Leiterin eines Kinderhorts, er selbst würde nach Hartz IV nichts mehr bekommen.

Und deshalb sitzt er jetzt bei Rainer Bungert. Der hat Arbeit. Keine schöne Arbeit. Arbeit, bei der extreme Flexibilität gefragt ist – und die nicht gerade gut bezahlt wird.

Bungert ist Chef der Leipziger Niederlassung des Zeitarbeits- und Personalvermittlers Manpower. Einer, der schnell geht, kurze Sätze spricht und seinen Gesprächspartner trotzdem nicht überrollt, ein sympathischer Geht-nicht-gibt’s- nicht-Typ. 53 ist er, doch Dynamik hält jung.

In diesen Wochen spricht er häufig mit Menschen wie Bauer. Fünfzig Prozent mehr Kandidaten als geplant melden sich bei Manpower, anderen Zeitarbeitsfirmen geht es nicht anders: Bundesweit berichten die Großen der Branche über Umsatzzuwächse zwischen fünf und 20 Prozent. Ein Trend, den auch die Bundesagentur für Arbeit beobachtet. Trotz der Härten für die Betroffenen und der handwerklichen Fehler des Gesetzes: Hartz IV beginnt zu wirken, noch ehe es am 1. Januar in Kraft tritt. Von den über drei Millionen Langzeitarbeitslosen in Deutschland bemühen sich immer mehr aktiv um Arbeit.

Rund 30 größere Kunden zählt Manpower hier im Osten, von der Bank bis zur Bäckerei. Gesucht werden Hilfsarbeiter genauso wie Datentypisten oder Sekretärinnen. Wer einen Vertrag bekommt, wird nach Zeitarbeitstarif bezahlt, hat Urlaubsansprüche und Kündigungsfristen. Am Freitag erst hat Bungert einen neuen Auftrag reinbekommen: Ein Versandhaus baut seine festen Mitarbeiter ab und stellt gleichzeitig Zeitarbeiter als Verpacker und Kommissionierer ein – das soll billiger und flexibler sein. Allein am Montag meldeten sich über 50 Bewerber, vom Diplom-Sozialpädagogen über den Kaufmann bis zur Kassiererin – in nur zwei Werktagen sind die Stellen vergeben. „Früher hätte das erheblich länger gedauert“, sagt Bungert.

In Leipzig ist fast jeder Fünfte ohne feste Arbeit. Das ist nicht erst seit gestern so. Doch nun ist es die Angst vor Hartz IV, die Arbeitslose zu Zeitarbeitsfirmen treibt. Die einen wollen sich nicht durchleuchten lassen, die anderen fürchten, bald mit deutlich weniger auskommen zu müssen.

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