Schäuble bei Beckmann

„Bismarck hat einmal gesagt...“

Griechenland-Rettung und französische Kinofilme: Reinhold Beckmann und Wolfgang Schäuble können sich über so gut wie alles unterhalten. Warum das Fernsehen das ausstrahlt, blieb gestern in der ARD allerdings unklar.
Update: 30.11.2012 - 07:01 Uhr 39 Kommentare
Finanzminister Wolfgang Schäuble. Quelle: dapd

Finanzminister Wolfgang Schäuble.

(Foto: dapd)

DüsseldorfMit der Frage "Was macht die Liebe zum Sudoku, Herr Schäuble?" leitete Reinhold Beckmann in seiner am Donnerstagabend ausgestrahlten Show eine gute halbe Stunde vor Ende des 75-minütigen Gesprächs mit dem Solo-Gast Wolfgang Schäuble endlich zu seiner großen Stärke über: dem entspannt freundlichen Geplauder über alles im weiteren Sinne Menschliche. Er sprach mit dem Bundesfinanzminister, der kurz darauf die Aufstellung der deutschen Fußballweltmeistermannschaft von 1954 aufzusagen wusste, über Kinofilme, seine Kinder und Helmut Kohl, über den Schäuble selbstredend kein böses Wort verlor. Eindeutiger Höhepunkt: Schäuble erzählte, wie er einmal mit Angela Merkel und ein paar Polizisten als Personenschutz im Kino "Ziemlich beste Freunde" ansah, und sie beide von niemandem im Publikum bemerkt wurden, bis hinterher ihn jemand am Rollstuhl erkannte - aber Merkel übersah.

In der ersten Dreiviertelstunde der Sendung (die oft den Eindruck zu erwecken versuchte, sie sei live, jedoch bereits vor dem gestrigen Donnerstag aufgezeichnet wurde), ging es um härtere aktuelle Fakten der Griechenland-Hilfe, die nach einer Regierungserklärung Finanzministers am heutigen Freitag im Bundestag zur Abstimmung steht. Beckmann setzte dabei seine bekannten rhetorischen Kniffe mit solch schwungvollem Einfühlungsvermögen ein, als sei er seine "Switch reloaded"-Parodie. Er leitete etwa mit der Frage, wie viel Schlaf Schäuble denn brauche, zu der über, wie es denn sei, nur wenig Schlaf zu bekommen, und dann "musst du morgens um drei eine wichtige Entscheidung treffen"?

Schäuble sagte wiederholt "Ich sag immer" und sagte in der Tat, was er immer sagte. Weil Beckmann beflissen kritische Posen durchaus beherrscht, entspann sich ein Argumenteaustausch auf "Warum haben Sie nicht von Beginn an die Wahrheit gesagt?" - "Wir haben immer die Wahrheit gesagt!"-Niveau. Fragte Beckmann, wie teuer die Griechenlandrettung für den deutschen Steuerzahler wird, führte Schäuble an, wie niedrig gerade die Arbeitslosigkeit und wie hoch der Autoexport in Deutschland ist. Das ist in dutzenden öffentlich-rechtlichen Talkshows schon zu hören gewesen, allerdings häufig ein wenig fundierter.

Schnell wurde klar, dass schon des Moderators wiederholt geäußerter Ansatz "normalen Leuten (zu) erklären", worum es gehe, tieferen Erkenntnissen im Wege stand. Seitens der Redaktion sah dieses Erklären so aus, dass musikuntermalte Einspielfilmchen zur These "Solidarität vs. Ordnungspolitik" gelangten. Der Minister stieg darauf gern ein, indem er ein Ludwig Erhardt-Zitat ("Mehr als 50 Prozent der Wirtschaftspolitik ist Vertrauen") und im Folgenden sowieso immer mehr Zitate brachte ("Bismarck hat einmal gesagt...", Mark Twain und Goethe kamen aber auch zu Ehren).

Höhepunkt des kontroverseren Ansatzes war die Zuschaltung des Leiters des ARD-Studios in Brüssel. Rolf-Dieter Krause sollte in die komplexe Schuldenschnitt-Thematik einführen, was er leicht nervös, aber kompetent tat - jedoch so, dass es normale Leute wie etwa Reinhold Beckmann nicht auf Anhieb verstanden. Schäuble verstand natürlich, hatte aber kein Interesse daran, ausgerechnet dieses Thema zu vertiefen. Beckmann wiederum hat grundsätzlich kein Interesse daran, Themen zu vertiefen, solange die Stimmung in seinem Studio stimmt. Als Krause sich für einen ARD-Korrespondenten bemerkenswert weit aus dem Fenster lehnte ("Die deutsche Politik hat in meinen Augen viele Fehler gemacht..."), unterbrach Beckmann mit dem aufmunternden Zuruf "Sie kriegen gerade große Zustimmung von Herrn Schäuble übrigens!" Kurz darauf wurde Krause verabschiedet, selbstverständlich mit "schönen Grüßen nach Brüssel", aber ohne, dass seine Kritikpunkte angesprochen worden wären.

Zustimmung bekommen: darum geht es Beckmann, dagegen haben regierende Politiker natürlich nichts einzuwenden. Was Affirmation betrifft, macht niemand Beckmann etwas vor. Was Beharrlichkeit betrifft, begegneten er und Schäuble sich auf Augenhöhe. Insofern war das Ergebnis auch des gestrigen späten ARD-Abends: Wer die Positionen des Politikers teilt oder einfach sein besonnenes Erklären in beruhigender schwäbischer "zunägschd"-Intonation mag, wird sich von Schäubles Auftritt bei Beckmann ebenso bestärkt fühlen wie alle, die die Gesprächsführung des Moderators gegenüber Prominenten aller Genres schätzen. Alle übrigen bekamen ein weiteres Argument für die Ansicht, dass die ARD dringend ihre Talkshows ausdünnen oder wenigstens so strukturieren muss, dass Politiker zu Politischem nicht mehr von Reinhold Beckmann befragt werden.

 


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39 Kommentare zu "Schäuble bei Beckmann: „Bismarck hat einmal gesagt...“"

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  • Was Beharrlichkeit betrifft, begegneten er und Schäuble sich auf Augenhöhe. Insofern war das Ergebnis auch des gestrigen späten ARD-Abends: Wer die Positionen des Politikers teilt oder einfach sein besonnenes Erklären usw….wird sich von Schäubles Auftritt bei Beckmann ebenso bestärkt fühlen wie alle (Zitat)

    Vielleicht sollte das ARD TV lieber gleich den Schäuble dort behalten, wenn es da um noch härtere aktuelle Fakten als Griechenland-Hilfe geht und auf der anderen Seite, er dort ja keine Kritik behandeln muss -wie im Fall eines zugeschalteten Journalisten Krause aus Brüssel als der sich bemerkenswert weit aus dem Fenster lehnte mit der Bemerkung "Die deutsche Politik hat in meinen Augen viele Fehler gemacht..." wurde nicht Schäuble sondern Krause kurz verabschiedet, selbstverständlich mit "schönen Grüßen nach Brüssel", aber ohne, dass dessen vorgetragene Kritikpunkte vorher noch angesprochen worden wären.

  • MJM: wenn man das Wort Dummheit mit beschränkten Referenzrahmen ersetzt, dann gebe ich Ihnen recht. Schäuble ist nicht dumm, im Gegenteil. Doch macht er einen grossen Fehler, dass er seine Realität, also so wie er sich verhalten würde bzw. wie sich Deutsche verhalten, als Messlatte nimmt. Geht nicht, weil die Griechen andere haben, die damit nicht übereinstimmen.
    Schäuble nimmt an bzw. hofft, dass die Griechen die Beschlüsse jetzt umsetzen, weil sie ja eben im Parlament beschlossen wurden. Stournaras hat sich jedoch bereits entfallen lassen, dass man sich jetzt Gedanken machen wird, wie und auf welche Weise, man dies dann umsetzt.

    Somit sieht man hier zwei total verschiedene Arten mit demselben umzugehen.
    In D analysiert man, kommt auf Basis davon zu einem Beschluss und dann implementiert man die konsequente Umsetzung komme, was da wolle, weil man ja zu der Überzeugung gelangt ist, dass es nötig ist und ausserdem hat man sich verpflichtet.
    In Griechenland beschliesst man, weil man sich genötigt fühlt und dann analysiert man, ob, wie, wann und ob überhaupt man etwas macht und eigentlich ist ja morgen auch noch ein Tag und die Sachlage eigentlich schon ärgerlich genug, so dass man sich den Rest des Tages nicht auch noch verderben will. Somit hat man zwar etwas beschlossen, aber ob es jemals zur Umsetzung kommt und wie die dann aussieht steht in den Sternen.

    Schäuble glaubt, die Griechen durch Austerität zu einer Änderung des Verhaltens zwingen zu können, weil dies in D funktioniert. In Gr hat dies aber noch nie funktioniert und man weckt dadurch nur Wiederstand, was sich in totaler Blockade äussern wird.

    Watzlawick, ein Systemtheoretiker, sagte einmal, der grösste Fehler den man machen kann, ist zu glauben, dass die eigene Realität allgemein gültig ist.
    Solange Schäuble nicht einsieht, dass die Griechen einfach anders ticken und er dies nicht beeinflussen kann, wird sich nichts ändern.

  • @EinWaehler
    meine kurze Ergänzung zu Bismarck:"Es wird niemals so viel gelogen wie vor der Wahl, während des Krieges, nach der Jagd, bei der Steuererklärung und in der Ehe." Damit ist das Wahlvolk auch dabei

  • @Ulrich62
    Japan, Norwegen, Belgien, Italien und USA (in dieser Reihenfolge) sind die am meisten verschuldeten Länder der Welt. DE ist an 16. Stelle. Am wenigsten verschuldeten Länder der Welt sind Nigeria, Aserbaidschan, Usbekistan und Bangladesh (in dieser Reihenfolge).
    Wo würden Sie denn gerne leben? Hören Sie bitte auf Volkswirtschaft mit der Betriebswirtschaft zu verwechseln.

  • Die Propagandaanstalten ARD & ZDF haben wohl ihre Verblödungsmaschinerie angeworfen und den Wahlkampf eingeläutet. Nach der von der Leine jetzt der vergreiste Märchenerzähler, denen man die Bühne überläßt, um das Volk weiter zu vera....... ! Wir können uns schon fragen, wer der Nächste sein wird....die Schröder, der Altmaier, sonst wer....! Es ist nur noch abschäulich, dieses Schmierentheater. Aber wir haben ja noch ein Lichtblick : die Wahl nächstes Jahr ! Die wird zeigen, wieviel Wahlvieh diese Volksverbrecher eingefangen haben...?!

  • Herr Schäuble ist ein blendendes Beispiel für die Dummheit der Politischen Kaste. Sie begreifen und akzeptieren einfach nicht wie Menschen ticken (und damit die menschliche Welt funktioniert), glauben durch irgendwelche Maßnahmen die Gleichen zu Verhaltensformen nötigen zu können und sind dann halt immer voller Frust wenn dies eben nicht funktioniert. Der Schaden, durch die falschen Maßnahmen ist dann aber angerichtet. Der Mensch ist von Natur aus ein Vorteilsnehmer und wird sich zu einer ihm zum Nachteil werdenden Maßnahme nie bewegen lassen (z.B. Rückkauf Griechischer Staatsanleihen durch den Griechischen Staat zum einem Drittel des Preises...). Von anderem aus zu gehen ist nichts anderes als Wunschdenken und hat mit der Realität herzlich wenig zu tun. Das große Problem ist dabei nur dass Politiker eben durch ihre Entscheidungsgewalt, verbunden mit ihrer Dummheit, diese enormen Schäden anrichten. Da hilft es auch nicht wenn man durch irgendwelche angelesenen historischen Informationen (und Zitate historischer Persönlichkeiten) Eindruck zu schinden versucht.

  • @Rene: mir ging es genauso wie Ihnen und ich glaube Schäuble in seinen Ausführungen.
    Als er zu Sysiphus kam und dies zu seinem favoriten Epos erklärte, ging bei mir ein ziemliches Licht auf. Genau das macht er nämlich. Er schubst bewusst die Kugel, die das deutsche und auch andere Völker hinaufwälzen wieder hinunter, weil er davon überzeugt ist, dass dies ein gesunder Vorgang ist. Erklärt seine Politik und Zahlungsmoral. Er gibt alles weg, weil er glaubt dadurch eine Verweichlichung der Bevölkerung zu verhindern.
    Diese Interpretation der Sachlage hat mit seiner eigenen Geschichte zu machen. Er war oder ist Sysiphos und kämpft sich selbst immer wieder den Berg raus, nur dass ihm die Kugel wieder hinterrollt.
    Er hat ein Täterintrojekt, das unbehandelt ist und von dem Attentat herstammt. Dieses ist ihm nicht bewusst. Leider wird er unbewusst nicht ruhen bis D bzw. Europa gelähmt ist und im Rollstuhl sitzt, wenn er sich nicht endlich seiner eigenen Geschichte stellt.

    Somit ist er kein schlechter Mensch, sondern ein Mensch mit einer tragischen Geschichte, der intelligent, wahrscheinlich sehr nett und freundlich im Umgang ist, aber er ist beschädigt und diesen Schaden verdrängt er. Er muss sich dem stellen und dann ist er wahrscheinlich ein äusserst fähiger Finanzminister. Tut er das nicht, dann stürzt er ganz Europa in's Unglück.

  • Gratulation an Ulrich62! Ich kann nicht fassen das niemand ausser Ihnen klar ist das ich nur scherze. Ich bitte gleich um Entschuldigung denn ich wollte nicht ihnen zu beleidigen. Also, Ich wollte alle nur zum Nachdenken zu bringen und einen Anstoss zu geben das DEUTSCLAND endlich WACH wird. Die klare mehrheit der Bevoelkerung in Serbien ist gegen EU aber wollen euro wegen des Kaufkraftes die es uns ermoeglicht hat. Es ist einfach so und auch menschlich. Ich bin sicher das alle verstehen was ich damit sagen wollte.
    Mal ganz ehrilch, wir Serben erinneren uns noch an (sehr)gute alte DM und tagtaeglich sprechen miteinander das es die beste Waehrung war (mit damalige CHF, jetzt ist es nicht mehr). Viele Gruesse aus Serbien.

  • Schäuble hat einmal gesagt .....
    daß man auch Staaten pleite gehen lassen müsse, wenn sie den Richtlinien nicht mehr folgen wollen oder können.
    Dazu müßte natürlich eine Vertragsänderung eingebracht werden.

    Schäuble hat einmal gesagt ....
    „Die Rettungsschirme laufen aus. Das haben wir klar vereinbart“

    Schäuble hat des öfteren gesagt ...
    "Griechenland ist auf einem guten Weg"

    Aus Reuters Deutschland am 23.5.12 http://de.reuters.com/article/topNews/idDEBEE84M05G20120523
    SCHÄUBLE: VERTRÄGE ERLAUBEN KEINE GEMEINSAMEN ANLEIHEN
    ….. . Deutschland pocht auf den EU-Vertrag, der vorsieht, dass kein Staat für die Schulden eines anderen einstehen darf. "Es ist ja gegen die europäischen Verträge. Wir haben klare vertragliche Regelungen", betonte Schäuble

    +++++++++++++++++++

    Ich bin früher davon ausgegangen, dass die europäischen Länder sich an die geschlossenen Verträge und Vereinbarungen halten. Ich habe dazugelernt.


    Deshalb: Worte zählen nicht mehr, sondern Taten!!!

  • Eine weitere Sendung der öffentlich rechtlichen Zwangs-Gebühren-Einsammler, die nun wirklich kein Mensch mehr braucht.

    Im Zeitalter des Internets kann sich jeder informieren, auch wenn es manchmal etwas Mühe macht.

    Wer sich von solchen Sendunge lieber "einlullen" läßt, sollte am Wahltag zuhause bleiben.

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