Schäuble bei Beckmann
„Bismarck hat einmal gesagt...“

Griechenland-Rettung und französische Kinofilme: Reinhold Beckmann und Wolfgang Schäuble können sich über so gut wie alles unterhalten. Warum das Fernsehen das ausstrahlt, blieb gestern in der ARD allerdings unklar.
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DüsseldorfMit der Frage "Was macht die Liebe zum Sudoku, Herr Schäuble?" leitete Reinhold Beckmann in seiner am Donnerstagabend ausgestrahlten Show eine gute halbe Stunde vor Ende des 75-minütigen Gesprächs mit dem Solo-Gast Wolfgang Schäuble endlich zu seiner großen Stärke über: dem entspannt freundlichen Geplauder über alles im weiteren Sinne Menschliche. Er sprach mit dem Bundesfinanzminister, der kurz darauf die Aufstellung der deutschen Fußballweltmeistermannschaft von 1954 aufzusagen wusste, über Kinofilme, seine Kinder und Helmut Kohl, über den Schäuble selbstredend kein böses Wort verlor. Eindeutiger Höhepunkt: Schäuble erzählte, wie er einmal mit Angela Merkel und ein paar Polizisten als Personenschutz im Kino "Ziemlich beste Freunde" ansah, und sie beide von niemandem im Publikum bemerkt wurden, bis hinterher ihn jemand am Rollstuhl erkannte - aber Merkel übersah.

In der ersten Dreiviertelstunde der Sendung (die oft den Eindruck zu erwecken versuchte, sie sei live, jedoch bereits vor dem gestrigen Donnerstag aufgezeichnet wurde), ging es um härtere aktuelle Fakten der Griechenland-Hilfe, die nach einer Regierungserklärung Finanzministers am heutigen Freitag im Bundestag zur Abstimmung steht. Beckmann setzte dabei seine bekannten rhetorischen Kniffe mit solch schwungvollem Einfühlungsvermögen ein, als sei er seine "Switch reloaded"-Parodie. Er leitete etwa mit der Frage, wie viel Schlaf Schäuble denn brauche, zu der über, wie es denn sei, nur wenig Schlaf zu bekommen, und dann "musst du morgens um drei eine wichtige Entscheidung treffen"?

Schäuble sagte wiederholt "Ich sag immer" und sagte in der Tat, was er immer sagte. Weil Beckmann beflissen kritische Posen durchaus beherrscht, entspann sich ein Argumenteaustausch auf "Warum haben Sie nicht von Beginn an die Wahrheit gesagt?" - "Wir haben immer die Wahrheit gesagt!"-Niveau. Fragte Beckmann, wie teuer die Griechenlandrettung für den deutschen Steuerzahler wird, führte Schäuble an, wie niedrig gerade die Arbeitslosigkeit und wie hoch der Autoexport in Deutschland ist. Das ist in dutzenden öffentlich-rechtlichen Talkshows schon zu hören gewesen, allerdings häufig ein wenig fundierter.

Schnell wurde klar, dass schon des Moderators wiederholt geäußerter Ansatz "normalen Leuten (zu) erklären", worum es gehe, tieferen Erkenntnissen im Wege stand. Seitens der Redaktion sah dieses Erklären so aus, dass musikuntermalte Einspielfilmchen zur These "Solidarität vs. Ordnungspolitik" gelangten. Der Minister stieg darauf gern ein, indem er ein Ludwig Erhardt-Zitat ("Mehr als 50 Prozent der Wirtschaftspolitik ist Vertrauen") und im Folgenden sowieso immer mehr Zitate brachte ("Bismarck hat einmal gesagt...", Mark Twain und Goethe kamen aber auch zu Ehren).

Höhepunkt des kontroverseren Ansatzes war die Zuschaltung des Leiters des ARD-Studios in Brüssel. Rolf-Dieter Krause sollte in die komplexe Schuldenschnitt-Thematik einführen, was er leicht nervös, aber kompetent tat - jedoch so, dass es normale Leute wie etwa Reinhold Beckmann nicht auf Anhieb verstanden. Schäuble verstand natürlich, hatte aber kein Interesse daran, ausgerechnet dieses Thema zu vertiefen. Beckmann wiederum hat grundsätzlich kein Interesse daran, Themen zu vertiefen, solange die Stimmung in seinem Studio stimmt. Als Krause sich für einen ARD-Korrespondenten bemerkenswert weit aus dem Fenster lehnte ("Die deutsche Politik hat in meinen Augen viele Fehler gemacht..."), unterbrach Beckmann mit dem aufmunternden Zuruf "Sie kriegen gerade große Zustimmung von Herrn Schäuble übrigens!" Kurz darauf wurde Krause verabschiedet, selbstverständlich mit "schönen Grüßen nach Brüssel", aber ohne, dass seine Kritikpunkte angesprochen worden wären.

Zustimmung bekommen: darum geht es Beckmann, dagegen haben regierende Politiker natürlich nichts einzuwenden. Was Affirmation betrifft, macht niemand Beckmann etwas vor. Was Beharrlichkeit betrifft, begegneten er und Schäuble sich auf Augenhöhe. Insofern war das Ergebnis auch des gestrigen späten ARD-Abends: Wer die Positionen des Politikers teilt oder einfach sein besonnenes Erklären in beruhigender schwäbischer "zunägschd"-Intonation mag, wird sich von Schäubles Auftritt bei Beckmann ebenso bestärkt fühlen wie alle, die die Gesprächsführung des Moderators gegenüber Prominenten aller Genres schätzen. Alle übrigen bekamen ein weiteres Argument für die Ansicht, dass die ARD dringend ihre Talkshows ausdünnen oder wenigstens so strukturieren muss, dass Politiker zu Politischem nicht mehr von Reinhold Beckmann befragt werden.

 


Kommentare zu " Schäuble bei Beckmann: „Bismarck hat einmal gesagt...“"

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  • Was Beharrlichkeit betrifft, begegneten er und Schäuble sich auf Augenhöhe. Insofern war das Ergebnis auch des gestrigen späten ARD-Abends: Wer die Positionen des Politikers teilt oder einfach sein besonnenes Erklären usw….wird sich von Schäubles Auftritt bei Beckmann ebenso bestärkt fühlen wie alle (Zitat)

    Vielleicht sollte das ARD TV lieber gleich den Schäuble dort behalten, wenn es da um noch härtere aktuelle Fakten als Griechenland-Hilfe geht und auf der anderen Seite, er dort ja keine Kritik behandeln muss -wie im Fall eines zugeschalteten Journalisten Krause aus Brüssel als der sich bemerkenswert weit aus dem Fenster lehnte mit der Bemerkung "Die deutsche Politik hat in meinen Augen viele Fehler gemacht..." wurde nicht Schäuble sondern Krause kurz verabschiedet, selbstverständlich mit "schönen Grüßen nach Brüssel", aber ohne, dass dessen vorgetragene Kritikpunkte vorher noch angesprochen worden wären.

  • MJM: wenn man das Wort Dummheit mit beschränkten Referenzrahmen ersetzt, dann gebe ich Ihnen recht. Schäuble ist nicht dumm, im Gegenteil. Doch macht er einen grossen Fehler, dass er seine Realität, also so wie er sich verhalten würde bzw. wie sich Deutsche verhalten, als Messlatte nimmt. Geht nicht, weil die Griechen andere haben, die damit nicht übereinstimmen.
    Schäuble nimmt an bzw. hofft, dass die Griechen die Beschlüsse jetzt umsetzen, weil sie ja eben im Parlament beschlossen wurden. Stournaras hat sich jedoch bereits entfallen lassen, dass man sich jetzt Gedanken machen wird, wie und auf welche Weise, man dies dann umsetzt.

    Somit sieht man hier zwei total verschiedene Arten mit demselben umzugehen.
    In D analysiert man, kommt auf Basis davon zu einem Beschluss und dann implementiert man die konsequente Umsetzung komme, was da wolle, weil man ja zu der Überzeugung gelangt ist, dass es nötig ist und ausserdem hat man sich verpflichtet.
    In Griechenland beschliesst man, weil man sich genötigt fühlt und dann analysiert man, ob, wie, wann und ob überhaupt man etwas macht und eigentlich ist ja morgen auch noch ein Tag und die Sachlage eigentlich schon ärgerlich genug, so dass man sich den Rest des Tages nicht auch noch verderben will. Somit hat man zwar etwas beschlossen, aber ob es jemals zur Umsetzung kommt und wie die dann aussieht steht in den Sternen.

    Schäuble glaubt, die Griechen durch Austerität zu einer Änderung des Verhaltens zwingen zu können, weil dies in D funktioniert. In Gr hat dies aber noch nie funktioniert und man weckt dadurch nur Wiederstand, was sich in totaler Blockade äussern wird.

    Watzlawick, ein Systemtheoretiker, sagte einmal, der grösste Fehler den man machen kann, ist zu glauben, dass die eigene Realität allgemein gültig ist.
    Solange Schäuble nicht einsieht, dass die Griechen einfach anders ticken und er dies nicht beeinflussen kann, wird sich nichts ändern.

  • @EinWaehler
    meine kurze Ergänzung zu Bismarck:"Es wird niemals so viel gelogen wie vor der Wahl, während des Krieges, nach der Jagd, bei der Steuererklärung und in der Ehe." Damit ist das Wahlvolk auch dabei

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