Schavan: Bilanz ist unbefriedigend
Wissenschaft streitet um Frauenquote

Der Vorstoß des scheidenden Präsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) für Frauenqoten in der Wissenschaft hat eine heftige Debatte ausgelöst. Die Herren der Forschung sind gespalten: Die Präsidenten von Max-Planck- und Fraunhofer-Gesellschaft halten nichts davon, ihre Kollegen von der Helmholtz- und der Leibniz-Gemeinschaft halten sie für unumgänglich. Unzufrieden mit dem geringen Frauenanteil in der Forschung sind alle.

BERLIN. Der scheidende DFG-Präsident Ernst-Ludwig Winnacker hatte gesagt: „Wenn wir nicht 40 Prozent unseres intellektuellen Potenzials vor der Tür lassen wollen, helfen nur noch Quoten“. Als Vorbild nannte er die Uni Genf.

An deutschen Hochschulen liegt der Frauenanteil an den Promotionen mittlerweile bei 38 Prozent. Auf hundert Professoren hingegen kamen zuletzt (2003) gerade mal 13 Frauen – bei den C4-Professuren sogar nur acht. Noch schlechter schneiden die außeruniversitären Forschungsorganisationen ab: Trotz diverser Frauenförderprogramme und dem Ausbau der Kinderbetreuung zählen sie nur 7,7 Prozent Frauen in den Führungspositionen ab BAT1.

„Die Bilanz ist völlig unbefriedigend“, mahnt Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU). Konkrete Ratschläge will sie nicht geben – es sei an den Forschungsorganisationen und Hochschulen selbst, Instrumente zu wählen, „die ihnen geeignet erscheinen, dieses große Defizit zu beheben“, sagte sie dem Handelsblatt. „Ich persönlich werde die Entwicklung der nächsten Jahre sehr genau beobachten.“

Am vehementesten pro verbindliche Frauenquoten tritt der Präsident der Leibniz-Gemeinschaft (WGL), Ernst Rietschel, ein. „Winnacker hat völlig recht. Wir müssen radikal solange Quoten verlangen, bis ein Ausgleich erreicht ist – bis hin zu 50:50. Andere können das“, sagte der Chemiker. „Wir haben keine Zeit und ohne massive, unpopuläre Eingriffe schaffen wir das nicht, denn Männer hatten 2000 Jahre Zeit, ihre Plätze zu erobern.“ Zur WGL gehören 84 Institute mit 1  000 Beschäftigten.

Stolz ist Rietschel darauf, dass die WGL zuletzt unter den großen Organisationen den höchsten Frauenanteil (11 Prozent) bei Führungspositionen hatte, dicht gefolgt von der Max-Planck-Gesellschaft (10,6). Unterdurchschnittlich schneidet die Helmholtz-Gemeinschaft (6,5 Prozent) ab. Auch deren Präsident, Jürgen Mlynek, ist überzeugt: „Damit in den nächsten zwei bis drei Jahren etwas passiert, brauchen wir gegebenenfalls auch Quotenregeln.“ Gerade weil solche Instrumente „ohnehin erst in ein paar Jahren greifen, haben wir keinen Grund, länger zu warten“.

„Kollegen aus den USA können überhaupt nicht verstehen, wenn es hier etwa in der Physik keine Frauen in der Professorenschaft gibt“, erzählt der Physiker, der zuvor die Berliner Humboldt-Uni leitete. Mlynek fordert, dass die DFG dem Beispiel der National Science Foundation der USA folgt und solchen Einrichtungen die Mittel kürzt, die Frauen nicht nachhaltig fördern.

Rietschel wünscht sich eine „gemeinsame Position der Allianz der Forschungseinrichtungen“ zur Frauenförderung. Dies scheint derzeit jedoch illusorisch. Denn der Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft (FhG), Hans-Jörg Bullinger, hält „viel von Frauen, aber nichts von Quoten“ – ebenso wie der Chef der Max-Planck-Gesellschaft (MPG), Peter Gruss. Bullinger hält einen höheren Frauenanteil für dringend nötig, „weil uns sonst der Nachwuchs fehlt“. Beim Frauenanteil in Führungspositionen liegt die FhG mit 2,7 Prozent auf dem letzten Rang – weil noch immer nur jeder fünfte Ingenieurstudent weiblich ist. Bullinger wirbt daher dafür, mehr Mädchen für technische Berufe zu begeistern, im eigenen Haus bemüht er sich darum, „die Führungskreise unserer Institute zu sensibilisieren“.

Die Max-Planck–Gesellschaft möchte bei Stellenbesetzungen nichts als „reine Exzellenzkritierien“ gelten lassen, sagt eine Sprecherin von MPG-Chef Gruss. In dem Pakt für Forschung der früheren Bildungsministerin Edelgard Bulmahn hat sich die MPG jedoch als einzige Organisation verpflichtet, auch den Frauenanteil jährlich um einen Punkt zu steigern. Der Pakt garantiert den Organisationen ein jährliches Budget-Plus von drei Prozent garantiert

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Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
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