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Schavan und Brüderle: Plagiat sticht Sexismus

Die Mechanik der Politik ist unerbittlich. Die Medien stürzen sich auf den Fall Schavan – andere Aufreger rücken aus dem Fokus. Wer spricht denn noch über Brüderle? Und er ist nicht der einzige, der profitiert.

Bildungsministerin Annette Schavan mit FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle. Quelle: dpa/picture alliance
Bildungsministerin Annette Schavan mit FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle. Quelle: dpa/picture alliance

BerlinFür Annette Schavan sind es schwierige Tage: Just als sie in Südafrika weilte, wurde ihr von der Universität Düsseldorf der Doktortitel aberkannt. Seitdem tobt eine Debatte darüber, welche Konsequenzen der Titel-Entzug noch haben muss – vor allem für die CDU-Politikerin und ihren Spitzenjob als Bundesbildungsministerin.

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Der Rücktritt der Ministerin wäre „möglicherweise doch die richtige Konsequenz“, sagte der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, Prof. Bernhard Kempen. Erwartungsgemäß sieht das die Opposition nicht anders. Von Schavan ist überliefert, dass sie kämpfen will – für ihren Titel, für ihre Integrität und natürlich für ihr politisches Amt. Das provoziert nolens volens erst recht ihre Kritiker. Die Debatte köchelt damit weiter. Andere Aufreger-Themen rücken in den Hintergrund.

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Hochrangige Wissenschaftsvertreter üben Kritik an der Bildungsministerin.

Der Fall Schavan hat dazu geführt, dass kaum noch über die Sexismus-Vorwürfe gegen FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle gesprochen wird. Das Thema ist regelrecht zum Erliegen gekommen. Allenfalls Schmonzetten wie diese, dass das Fremdgeh-Portal Ashley Madison Brüderle als Werbefigur für ein riesiges Plakat auserkoren hat, erregt noch die Aufmerksamkeit einer breiten Öffentlichkeit.

Das mag vielleicht auch daran liegen, dass Brüderles angebliche anzügliche Bemerkungen gegenüber einer „Stern“-Journalistin wenig mit seinem politischen Alltagsgeschäft im Bundestag zu tun haben. Und vielleicht hat es auch damit zu tun, dass Brüderle in keiner Form auf die Kritik an ihm einsteigt. Seine Reaktion, sofern er darauf angesprochen wird, ist immer dieselbe: „Ich kommentiere das nicht“, „Dazu äußere ich mich nicht“.

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Annette Schavan muss zurücktreten, einen Nachfolger braucht es nicht.

Schavan kann sich hingegen nicht wegducken. Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland dürfte sie mit Fragen bombardiert werden, wie es denn jetzt für sie weiter geht. Und auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wird wohl das Gespräch mit ihrer Vertrauten suchen. Ende offen. Damit ist der Fokus für die Berichterstattung der nächsten Tage gesetzt. Davon profitiert dann nicht nur Brüderle. Auch Peer Steinbrück könnte Glück im Unglück haben, wenn das Medieninteresse sich vor allem auf die Bildungsministerin beschränkt und ihn und sein – mittlerweile eingestellten – „PeerBlog“ weitestgehend in Frieden lässt.

Die Affäre um die Doktorarbeit der Bildungsministerin

  • 16. Januar 2012

    Mitglieder der Enthüllungsplattform Vroniplag, die unter anderem Plagiate in der Arbeit der FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin nachwiesen, legen eine Website zu Schavans vor 30 Jahren verfasster Doktorarbeit "Person und Gewissen" an. Sie entscheiden sich jedoch dagegen, an die Öffentlichkeit zu gehen, weil die gefundenen Textstellen dies nicht rechtfertigten.

  • 2. Mai

    Ein anonymes Mitglied des Vroniplag-Netzwerks, das sich "Robert Schmidt" nennt, veröffentlicht die Vorwürfe gegen die CDU-Politikerin auf einer Website namens "schavanplag". Schavan erklärt sich bereit, sich mit den Vorwürfen auseinanderzusetzen und versichert, die Arbeit "nach bestem und Gewissen" angefertigt zu haben. Auf Bitten Schavans beginnt der Promotionsausschuss der Philosophischen Fakultät ihrer alten Uni ein Prüfverfahren.

  • 9. Oktober

    "Robert Schmidt" gibt bekannt, er habe die Suche nach Fehlern in Schavans Arbeit abgeschlossen. Insgesamt kritisiert er nun 92 Stellen in der mehr als 350 Seiten umfassenden Doktorarbeit.

  • 14./15. Oktober

    Der "Spiegel" zitiert aus einem vertraulichen Gutachten des Vorsitzenden des Promotionsausschusses der Uni Düsseldorf. Laut dem Bericht wirft der Religionswissenschaftler Stefan Rohrbacher darin Schavan eine "leitende Täuschungsabsicht" vor. Schavan erfährt von der Existenz des Gutachtens erst durch einen Journalisten des Magazins. In der "Süddeutschen Zeitung" weist sie die Unterstellung einer Täuschungsabsicht "entschieden zurück". Sie räumt ein, sie habe "hier und da noch sorgfältiger formulieren können".

  • 16./17. Oktober

    Wegen des durchgesickerten Gutachtens hat die Universität Strafanzeige gegen Unbekannt erstattet. Uni-Rektor Michael Piper kündigt an, die Universität werde von nun an keine Informationen zum Verfahrensstand mehr geben. Ranghohe Wissenschaftsfunktionäre kritisieren schwere Verfahrensfehler der Uni und fordern das Einholen eines externen Gutachtens. Schavans Doktorvater Gerhard Wehle verteidigt die Doktorarbeit als "in sich stimmig".

  • 21. Dezember

    Erneut gelangen Informationen aus den Uni-Gremien an die Öffentlichkeit. Der "Spiegel" berichtet, dass die Promotionskommission geschlossen hinter einem Aberkennungsverfahren stehe.

  • 16. Januar

    Ein externer Gutachter stärkt der Uni den Rücken. Der Bonner Wissenschaftsrechtler Klaus Gärditz kommt zu dem Ergebnis, dass keine "rechtlich relevanten Verfahrensfehler" festzustellen sind.

  • 19./20. Januar

    Die "Süddeutsche Zeitung" berichtet, dass die Universität ihren Vorwurf abgeschwächt hat. Der Promotionsausschuss wirft Schavan demnach nicht mehr vor, absichtlich getäuscht zu haben. Dennoch empfiehlt die Kommission laut dem Bericht dem Fakultätsrat, ein Verfahren zur Aberkennung des Doktortitels einzuleiten.

  • 09.02.2013, 10:45 Uhrr-tiroch@t-online.de

    wenn nun der Rösler tatsächlich ebenfalls ein plagiatsträger sein soll, dann geht es wieder von vorne los. hahaha.

  • 07.02.2013, 21:24 UhrFatFinger

    Diese beiden Themen haben wieder mal gut gezeigt, wo den Deutschen der Schuh drückt!
    Aber ich fand die Sex-Debatte lustiger!

  • 07.02.2013, 21:17 UhrNick

    Rösler?
    üble Nachrede?

    http://www.mmnews.de/index.php/politik/11989-roesler-dr-auch-erschwindelt

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