Schlechte Betreuung durch Banken
Stiftungen in Deutschland boomen

Jeden Tag entstehen in Deutschland drei neue Stiftungen. Vor allem bei den Themen Integration von Migranten und Bildung greifen sie dem trägen Staat unter die Arme und sorgen für wichtige Entwicklungen auf diesen Feldern. Ein Dorn im Auge sind dem Stiftungs-Verband allerdings die Konditionen der Banken für ihre Klientel.

BERLIN. Die Gesamtzahl der rechtsfähigen Stiftungen ist mit fast 15 500 nahezu so hoch wie vor dem zweiten Weltkrieg, sagte der Generalsekretär des Bundesverbandes deutscher Stiftungen, Hans Fleisch, bei der Vorstellung des Stiftungsreports 08/09. Die Summe des Stiftungskapitals summiere sich nach einer groben Schätzung mittlerweile auf rund 100 Milliarden Euro.

Als Ursache des wachsenden Interesses gilt zum einen die Reform des Stiftungsrechtes, aber auch ein Mentalitätswechsel in der Bevölkerung: Während sich der Großteil der Bevölkerung noch vor wenigen Jahren nicht für Stiftungen interessierte, billigen ihnen heute schon zwei Drittel eine wichtige positive Rolle zu. Die Menschen vertrauten immer weniger auf den Staat, statt dessen mache sich eine "Wir-können-das-auch-selbst"-Haltung breit, sagte Fleisch.

Der renommierte Integrationsforscher Klaus Bade lobte Stiftungen als "Pioniere" auf dem Feld der Integration und der Bildung - also zwei Großbaustellen der deutschen Politik. Sie bewegten sich auf diesem Feld "wie Antilopen, die den staatlichen Elefanten vorauslaufen". Das sei umso bedeutender, als sich die Folgekosten mangelnder Integration nach einer Bertelsmann-Studie auf jährlich bis zu 16 Mrd. Euro beliefen, mahnte Bade.

Von den rund 900 Stiftungen, die sich der Integration von Migranten vor allem über Bildung widmen, lobte er vor allem das Start-Programm der Hertie-Stiftung, das jungen Menschen den Weg zum Abi und so auch zum Studium ebnet, und die Förderschulen der Mercator-Stiftung für Migranten. Im Stiftungsreport plädiert auch die Bundeskanzlerin für mehr Kooperation des Staates mit Stiftungen in Sachen Integration.

Ein Dorn im Auge sind dem Stiftungs-Verband allerdings die Konditionen der Banken für ihre Klientel: Im Schnitt habe die Rendite in den beiden vergangenen Jahren bei nur 4,4 Prozent gelegen, monierte Fleisch. Dass fast jede siebte Stiftung mehr als fünf Prozent aus ihrem Kapital hole, beweise, dass mehr möglich sei. Fleisch rief daher vor allem kleinere Stiftungen auf, sich zusammen zu tun, um ihre Position gegenüber den Banken zu stärken.

Völlig unterbelichtet sei die Kreditwirtschaft bei ethischen, ökologischen und sozialen Geldanlagen - obwohl das Interesse daran rapide zunehme. 60 Prozent von 800 befragten Stiftungen seien hier mit dem Angebot und der Beratung unzufrieden. Bei einem Gesamtvermögen der deutschen Stiftungen von 100 Mrd. Euro sei das eine vernachlässigte Summe von bis zu 60 Mrd. Euro, machte Fleisch die Dimension klar.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
Handelsblatt / Korrespondentin
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