Schleswig-Holstein
Analyse: Der Heide-Kult

Ginge es allein nach der wirtschaftlichen Lage in Schleswig-Holstein, dann müsste die CDU die Landtagswahl am kommenden Sonntag leicht gewinnen. Ob bei Arbeitslosigkeit, Außenhandel oder Verschuldung – das Land ist nach zwölf Jahren Rot-Grün unter Ministerpräsidentin Heide Simonis im deutschen Vergleich bestenfalls Mittelmaß.

Ginge es allein nach der wirtschaftlichen Lage in Schleswig-Holstein, dann müsste die CDU die Landtagswahl am kommenden Sonntag leicht gewinnen. Ob bei Arbeitslosigkeit, Außenhandel oder Verschuldung - das Land ist nach zwölf Jahren Rot-Grün unter Ministerpräsidentin Heide Simonis (SPD) im gesamtdeutschen Vergleich bestenfalls Mittelmaß. Im Vergleich mit anderen westdeutschen Flächenländern kann man in Kiel froh sein, nicht am Ende zu stehen. Die guten Zahlen beim Wirtschaftswachstum sind Einmaleffekten und dem kontinuierlichen Betrieb des Kernkraftwerks Brunsbüttel im Jahr 2004 geschuldet. Bei den Unternehmern geht der Witz um, die Grünen wollten aus Schleswig-Holstein ein "Indianerreservat machen, die Roten hätten sie ja schon dazu".

Was zudem oft vergessen wird: Schleswig-Holstein ist mit seinen ländlichen Regionen zwar fortschrittlich, aber politisch eher konservativ. Vierzig Jahre lang hatte die CDU regiert, bevor die Barschel-Affäre 1987 die Partei beinahe pulverisierte. Aber selbst danach wäre es den Christdemokraten beinahe gelungen, wieder an die Macht zu kommen. Doch der CDU-Spendenskandal im Jahr 2000 verhinderte, dass Volker Rühe die Ministerpräsidentin ablösen konnte. Jetzt sehen die Umfragewerte Rot-Grün knapp vor Schwarz-Gelb. Aber rund ein Drittel der Wähler ist noch unentschlossen. Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass die Bundespolitik im Norden eine eher nachgeordnete Rolle spielt.

Auf die Frage, warum der noch im Herbst so große Vorsprung der CDU weggeschmolzen ist, gibt es vor allem eine Antwort: Die SPD betreibt seit Wochen erfolgreich ihren "Heide-Kult". Die Sozialdemokraten feilen auch im Wahlkampfendspurt unermüdlich an der Marke "Heide". Die Überlegung ist simpel: Zweite Bundesliga, bestenfalls ein Abstiegsplatz im wirtschaftspolitischen Oberhaus, kommt beim Wähler nicht an.

Mit dem bildungspolitischen Vorschlag in Richtung Einheitsschule im Gegensatz zum CDU-Modell eines dreigliedrigen Schulsystems lässt sich zwar bei den sozialdemokratischen Stammwählern Stimmung machen, aber die Unentschlossenen wählen deshalb noch nicht zwangsläufig SPD. Dass aus dem ellenlangen Parteiprogramm nur noch fünf Buchstaben für den Wahlkampf übrig geblieben sind, überrascht deshalb kaum jemanden. Die Marke "Heide" soll die Substanzlosigkeit übertünchen.

Die Tagesveranstaltungen mit Simonis heißen "Heide hautnah", am Abend heißt es "Heide direkt". Den Namen Heide vergisst niemand mehr so schnell. Auch nicht, dass Heide die einzige Ministerpräsidentin ist. Gleichgültig, wohin man blickt, auf Plakate, Luftballons, Socken oder Schuhe der Kandidaten, Tischdecken, Schals, Teekannen oder Kugelschreiber - alle sind rot, und auf allen steht Heide. Auf einer Großleinwand flimmern Bilder, auf denen Heide mit dem französischen Präsidenten Chirac, Heide mit Ustinov, Heide im Strandkorb zu sehen ist.

Auch Persönliches wird feilgeboten: Heide verkaufte in jungen Jahren Büstenhalter in Japan. Wenn sie nervös ist, dann erledigt sie den Hausputz. Also: Ginge es am nächsten Sonntag allein nach der wirtschaftlichen Lage in Schleswig-Holstein, müsste eigentlich die CDU gewinnen.

Herausforderer Peter Harry Carstensen konnte die Inhaltsleere der SPD bislang aber nicht in Stimmengewinne ummünzen. Der Streit in der Union über die Gesundheitspolitik hat sicher ebenso dazu beigetragen wie die wochenlangen Personalquerelen um die Unionspolitiker Merz, Seehofer, Meyer.

Doch Carstensens Probleme sind auch hausgemacht. Wer eine First Lady über "Bild" sucht und dann auch noch "vergisst", eine Frau ins Schattenkabinett zu holen, muss sich nicht wundern, wenn nur jeder vierte Bürger in Schleswig-Holstein glaubt, eine CDU-geführte Regierung könne die Probleme besser anpacken.

Dies hängt auch eng mit dem Bekanntheitsgrad des Herausforderers zusammen. Wer nach dem Namen des CDU-Spitzenkandidaten fragt, erntet oft nur ein hilfloses Achselzucken. Carstensen steht eben nicht gerade für deutliche Worte, geschweige denn führt er die "Abteilung Attacke" in die letzten Tage vor dem Wahlsonntag.

Für einen Politiker ist das zwar kein unsympathischer Charakterzug. Aber wenn man eine so schlagfertige Ministerpräsidentin wie Heide Simonis ablösen will, nützt das wenig. Bei einer Direktwahl würde Simonis jedenfalls fast zwei Drittel der Stimmen erhalten.

Der Autor ist Ressortleiter Wirtschaft und Politik.
Thomas Sigmund
Handelsblatt / Ressortleiter Politik und Leiter des Hauptstadtbüros
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