Schleswig-Holsteins Wirtschaftsbilanz
Das Durchwurschtel-Bundesland

Wirtschaftlich gesehen ist Schleswig Holstein kein Musterschüler – aber auch kein Sorgenkind. Das Land belegt in fast allen Statistiken einen mittelmäßigen Platz. Nur bei der Verschuldung gibt es einen Ausreißer.
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DüsseldorfSchleswig-Holstein gilt gemeinhin als strukturschwach: Landwirtschaft, Fischerei und Tourismus – das sind die ersten Branchen die man mit dem nördlichsten deutschen Bundesland in Verbindung bringt. Von ungefähr kommen diese Assoziationen nicht: Mit Lübeck und Kiel hat das Küstenland nur zwei Großstädte, die maritime Wirtschaft war früh vom Strukturwandel betroffen. Das Werftensterben und der Niedergang der Fischerei bestimmten das Bild Schleswig-Holsteins in den überregionalen Medien.

Trotz dieser Herausforderungen muss das zweitkleinste deutsche Flächenland den Vergleich mit anderen Bundesländern aber nicht unbedingt scheuen: In den meisten Statistiken und Rankings belegt Schleswig-Holstein einen soliden Mittelfeldplatz – kein Musterschüler aber auch kein Sorgenkind. Man könnte es auch so sagen: Die Norddeutschen sind deutscher Meister im sich Durchwurschteln.

Die Wirtschaftsleistung lag im Jahr 2010 bei rund 26.000 Euro pro Kopf. Das ist beileibe kein Spitzenwert und reicht im Ländervergleich lediglich für Rang neun. Immerhin entwicklen sich die norddeutschen Unternehmen dynamischer als ihre Konkurrenten in West, Ost oder Süd. Von 2007 bis 2010 legte die Jahreswirtschaftsleistung in Schleswig-Holstein um 2,9 Prozent zu. Im Bundesdurchschnitt ging sie im gleichen Zeitraum krisenbedingt um 0,3 Prozent zurück.

Auch die Produktivität legte zwischen 2007 und 2010 um 0,5 Prozent zu, während im Bundesschnitt ein Rückgang von 2,2 Prozent zu verzeichnen war. Dafür ging die Exportquote um 1,1 Prozent zurück während sie bundesweit um 1,2 Prozent stieg.

Die Arbeitslosenquote sank seit 2005 von 13,0 auf aktuell 8,2 Prozent – das entspricht ziemlich genau der bundesweiten Entwicklung und reicht für einen siebten Platz im Länderranking. Ein bisschen besser sieht es bei der Versorgung mit Arbeitsplätzen aus: Der Anteil der Erwerbstätigen an der Gesamtbevölkerung lag 2010 bi 57,2 Prozent – der viertbeste Wert unter den deutschen Bundesländern.

Die Wirtschaft warnt vor der Verschuldungs-Orgie

Der scheidende Ministerpräsident Peter Harry Carstensen verkauft diese Zahlen als Erfolg: „Schleswig-Holstein hat die weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise vergleichsweise stabil bewältigt“, sagte er bei vor kurzem bei einem Neujahrsempfang. Zwar sei es Sache der Wirtschaft, Arbeitsplätze zu schaffen, aber die Politik könne und müsse „die Rahmenbedingungen so gestalten, dass die Wirtschaft gedeihen und in Ruhe arbeiten kann“, sagte Carstensen. Dass das seiner Meinung nach der von ihm geführten CDU-FDP-Koalition besonders gut gelungen ist, daran ließ Carstensen keinen Zweifel.

Doch die Erfolge wurden teuer erkauft: Der Schuldenstand der öffentlichen Haushalte in Schleswig-Holstein wuchs zwischen 2007 und 2009 um 13,3 Prozent. Nur zwei Bundesländer waren schlechter.

Die Wirtschaft an der Waterkant beobachtet diese Entwicklung mit Sorge: Sie warnt vor einer Verschuldungsorgie: „Bis zum Jahr 2020 wird Schleswig-Holstein rund 32 Milliarden Euro Schulden angehäuft haben. Zusammen mit den Schulden der Kommunen und den anteiligen Bundesschulden werden das dann 130 Prozent des Bruttoinlandsproduktes sein“, warnt Klaus-Hinrich Vater, Präsident der Industrie- und Handelskammer in Kiel. Vater hat ausgerechnet, dass es bei einem Zinssatz von drei Prozent und einer jährlichen Tilgung von einer Milliarde Euro stolze 111 Jahre dauern würde, ehe Schleswig-Holstein seine Schulden zurückgezahlt hätte. „Die Maßlosigkeit einer Generation wird gleich eine Reihe künftiger Generationen schwer belasten“, schreibt er der Landesregierung ins Stammbuch.

Die Wirtschaft im hohen Norden wünscht sich vor allem, dass die Landesregierung beim Ausbau der Infrastruktur aufs Gaspedal drückt. Das wichtigste und größte Vorhaben dieser Art ist die feste Fehmarnbelt-Querung, die als größtes Infrastrukturvorhaben Nordeuropas gilt. Bis 2020 soll die Insel Fehmarn über einen Tunnel an das dänische Festland angebunden werden. Das größte Interesse an der festen Verbindung hat das Königreich Dänemark, das daher einen Großteil der Baukosten von geschätzten 5,5 Milliarden Euro übernehmen wird. Aber auch Unternehmen in Schleswig-Holstein hoffen auf Wachstumsimpulse.

Noch mehr am Herzen liegt den Wirtschaftsvertretern aber der Weiterbau der Autobahn 20. „Nach den langjährigen und jetzt wohl in 2012 abgeschlossenen Planungsprozessen darf dem wichtigsten Verkehrsprojekt für Schleswig-Holstein kein Stillstand verordnet werden“, betont IHK-Präsident Vater, der eine „schnellstmögliche Umsetzung aller Bauabschnitte“ fordert. Die Lobbyarbeit der Landesregierung in Berlin für dieses Projekt sei „zweifellos optimierbar“ kritisiert Vater.

Auch bei der wichtigen Wasserstraße Nord-Ostsee-Kanal verlangt die Wirtschaft Baumaßnahmen, die über die Sanierung der Schleusen hinausgehen. „Wenn diese wichtige internationale Wasserstraße weiterhin wettbewerbsfähig bleiben soll, dann muss sie – wie es schon aus Berlin zugesagt war – insgesamt ertüchtigt werden“, sagt Vater. Kurven müssten begradigt, die Fahrrinne verlegt und Brücken neu konzipiert werden. „Ich warne hier vor Verzögerungen und haushaltspolitischen Taschenspielertricks“, sagt Vater. „Wer einmal mit Reedereien gesprochen hat, der weiß, dass Warenströme etwa aus China schnell umgelenkt werden.“

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