"Schritt in die richtige Richtung"
Volkswirte: Gesundheitskonsens reicht nicht aus

Der sich abzeichnende Konsens in der Gesundheitspolitik reicht nach Einschätzung von Analysten nicht aus, um die Lohnnebenkosten dauerhaft zu senken. Zwar begrüßten die Banken-Volkswirte am Montag grundsätzlich, dass sich Koalition und Opposition auf ein gemeinsames Konzept geeinigt haben. Um die Firmen und Arbeitnehmer auf lange Sicht zu entlasten, müsse allerdings weit mehr am Gesundheitssystem reformiert werden.

Reuters BERLIN. Das von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) ausgegebene Ziel, die Krankenkassenbeiträge im Schnitt auf 13 von jetzt 14,4 % zu senken, werde wohl nicht erreicht, sagte Andreas Heigel von der HypoVereinsbank. Dafür sei mehr Wettbewerb im Gesundheitswesen notwendig als bisher geplant.

Der Deutsche Aktienindex (Dax) reagierte auf den Gesundheitskonsens zur Markteröffnung am Montag positiv. Vor allem Aktien von Versicherern profitieren zunächst, konnten ihre Gewinne aber in einem schwächer verlaufenden Gesamtmarkt nicht halten. Die Aktien der deutschen Pharmakonzerne werden nach Einschätzung von Experten durch die Konsens-Pläne kaum belastet.

Die angestrebte Entlastung der gesetzlichen Krankenkassen um 20 Mrd. € soll nach dem Konzept von Koalition und Opposition durch eine stärkere Belastung der Versicherten und der Arzneimittelhersteller erreicht werden. So sollen die Versicherten etwa den Zahnersatz aus eigener Tasche bei einer privaten oder gesetzlichen Kasse versichern. Bei Arztbesuchen soll eine Gebühr von zehn Euro pro Quartal fällig werden.

Philipp Nimmermann von der ING BHF-Bank sagte, es sei „grundsätzlich ein Schritt in die richtige Richtung, wenn die Lohnnebenkosten sinken“. Diese seien das wichtigste Hindernis für neue Investitionen. Der angestrebte Durchschnittssatz von 13 % bedeute jedoch allenfalls eine Stabilisierung. HypoVereinsbank-Analyst Heigel zeigte sich skeptisch, dass die 13-Prozent-Marke überhaupt erreicht werde. Die enormen Defizite der Kassen ließen bis zum Jahresende einen Anstieg der Beiträge auf im Schnitt 14,7 bis 14,8 % erwarten: „Statt bei 13 % bleibt man dann knapp über 14 % für die nächsten zwei Jahre - dann gibt es eine neue Reformkommission.“

Nimmermann sagte, dem Konsens-Konzept fehle es an Anreizen zu mehr Wettbewerb: „Das bisher Bekannte hört sich an wie eine kurzfristige Kostenreduzierungsmaßnahme.“ Heigel kritisierte ebenfalls, auf der Ausgabenseite passiere zu wenig. Es seien aber auch sinnvolle Elemente enthalten, zum Beispiel eine höhere Selbstbeteiligung der Versicherten und die Praxisgebühr. Positiv bewerteten die Analysten, dass es überhaupt zu einer Einigung gekommen ist. „Das ist ein Signal, dass sich in Deutschland etwas bewegt“, sagte Nimmermann. Vor allem ausländische Investoren dürften das positiv bewerten.

Die Nachrichten von der Einigung auf einen Gesundheitskonsens verliehen dem Dax zum Handelsbeginn zunächst etwas Auftrieb. Das Börsenbarometer stieg in den ersten Handelsminuten um 0,4 % auf 3379 Punkte, drehte im Handelsverlauf aber ins Minus. Die Versicherer profitierten Börsianern zufolge zunächst, weil Leistungen wie der Zahnersatz künftig privat versichert werden müssen. Carsten Keil, Analyst bei Helaba Trust, schränkte aber ein: „Insgesamt dürfte der Effekt bei weltweit operierenden Konzernen wie der Allianz minimal sein.“

Die deutschen Pharmakonzerne können nach Einschätzung von Peter Düllmann, Analyst bei Sal. Oppenheim, negative Effekte der Gesundheitsreform auf Grund ihrer internationalen Ausrichtung gut verkraften. Die Pharma-Titel im Dax gaben im Einklang mit dem fallenden Gesamtmarkt nach. Schering-Aktien fielen um 0,7 %, Bayer-Titel büßten 1,5 % ein und die Papiere von Altana gaben um 1,9 % nach.

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