Bundeskanzler Gerhard Schröder hat in einer Rede zum Gedenken an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz die besondere Verantwortung der Deutschen in Bezug auf die Spuren ihrer Vergangenheit betont und zum Kampf gegen Antisemitismus aufgerufen.
Bundeskanzler Gerhard Schröder spricht in Berlin auf der Gedenkveranstaltung des Internationalen Auschwitz Komitees. Foto: dpa
HB BERLIN. „Ich bekunde meine Scham angesichts der Ermordeten - und vor allem vor Ihnen, die Sie die Hölle der Konzentrationslager überlebt haben“ sagte Schröder am Dienstag in Berlin zum 60. Jahrestag der Befreiung des KZ durch die sowjetische Armee am 27. Januar 1945. Der Vorsitzende des Jüdischen Weltkongresses, Israel Singer, forderte eine breitere Auseinandersetzung mit den Ursachen des Holocausts und beklagte, das Andenken an den Holocaust werde zunehmend eine Angelegenheit der Juden. Die Deutsche Bischofskonferenz erklärte, Auschwitz sei auch möglich geworden, weil zu wenige Deutsche den Mut zu Widerstand gehabt hätten. Auch die katholische Kirche müsse sich nach ihrer Mitverantwortung für den Holocaust fragen lassen.
Schröder betonte, es sei nicht selbstverständlich, dass ein deutscher Bundeskanzler eingeladen werde, zum Jahrestag der KZ-Befreiung zu sprechen: „Uns Deutschen stünde es gut an, angesichts des größten Menschheitsverbrechens zu schweigen.“ Aus der deutschen Geschichte, aus Nationalsozialismus und Holocaust, folge die Verpflichtung Deutschlands, die Erinnerung an die Geschehnisse zu bewahren und dem Antisemitismus und Rechtsextremismus entgegen zu treten. „Die überwältigende Mehrheit der heute lebenden Deutschen trägt keine Schuld am Holocaust. Aber sie trägt eine besondere Verantwortung.“ Die Erinnerung an Krieg und Völkermord sei Teil der gelebten Verfassung und nationalen Identität Deutschlands geworden, auch wenn sie für viele schwer zu ertragen sei. „Die Verlockung des Vergessens und des Verdrängens ist sehr groß. Doch wir werden ihr nicht erliegen.“
Ohne auf den Eklat im sächsischen Landtag durch das Verhalten der rechtsextremen NPD einzugehen, rief Schröder zu einer politischen Auseinandersetzung mit Rechtsextremisten, Alt- und Neonazis auf. „Es ist gemeinsame Pflicht aller Demokraten, der widerlichen Hetze der Neonazis und den immer neuen Versuchen, die Nazi-Verbrechen zu verharmlosen, entschieden entgegenzutreten.“ Zugleich bekräftigte der Kanzler: „Die jüdische Gemeinschaft ist und bleibt ein unersetzlicher Teil unserer Kultur und unserer Gesellschaft. (...) Vor dem Antisemitismus der Unbelehrbaren werden wir sie mit der Macht des Staates schützen.“
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Singer forderte, das Gedenken an den Holocaust dürfe sich nicht in der Errichtung von Mahnmalen erschöpfen. Es sei erschreckend, dass immer weniger Menschen über den Holocaust, seine Gründe und Folgen Bescheid wüssten. „Die Lehren wurden so schnell vergessen, dass man sich wundert, ob sie je gelehrt worden sind“, sagte Singer. „Die Welt scheint zufrieden damit zu sein, dem Mord an sechs Mill. Juden zu gedenken, statt sich mit den Gründen für die Auslöschung auseinander zu setzen.“
Die Zahl derer, die den Holocaust leugneten oder entschuldigten, sei groß, sagte Singer weiter. Lehrer würden bei dem Thema von ihren Schülern niedergeschrien. „Wir erfahren Unsensibilität gegenüber dem Holocaust durch die jüngere Generation Europas - manchmal aus den höchsten und wichtigsten Familien“, sagte Singer wohl auch mit Blick auf den Party-Auftritt des britischen Prinzen Harry in einem Nazi-Kostüm. Singer zitierte auch eine Umfrage des britischen Fernsehsenders BBC, wonach knapp die Hälfte der Befragten in Großbritannien mit dem Namen Auschwitz nichts anfangen konnten. „Wir müssen allen beibringen, was Hass ist und war und wohin dieser Weg geführt hat“, sagte Singer.
Deutschland trage „eine besondere und nicht zu vergebene Verantwortung“, sagte Singer. Auch viele andere europäische Staaten und Firmen hätten den Genozid unterstützt, da sie etwa jüdische Flüchtlinge abgewiesen oder finanziellen Profit aus Aufträgen des Nazi-Regimes gezogen hätten.
Die Deutsche Bischofskonferenz erklärte: „Die Erinnerung der Deutschen an die Verbrechen in den Vernichtungslagern wird und muss sich immer von der Erinnerung anderer Völker und Gruppen, zumal der Opfer, unterscheiden.“
Der Befreiung von Auschwitz und der NS-Opfer wird am Donnerstag der Bundestag gedenken; an einer Zeremonie in Auschwitz selbst nimmt Bundespräsident Horst Köhler teil. Am 8. Mai folgt der 60. Jahrestag des Kriegsendes, den Schröder am 9. Mai auf Einladung des russischen Präsidenten Wladimir Putin in Russland begehen will. Am 10. Mai soll in Berlin das zentrale Holocaust-Mahnmal eröffnet werden.
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Chirac mahnt zur Wachsamkeit gegen Antisemitismus
Der französische Präsident Jacques Chirac hat bei der Eröffnung des größten Holocaust-Museums in Europa ebenfalls zur Wachsamkeit und Entschlossenheit gegenüber dem Antisemitismus aufgerufen. „Der Antisemitismus hat in Frankreich nichts zu suchen, denn er ist keine Meinung, sondern eine tödliche Perversion“, sagte Chirac am Dienstag in Paris. Die Regierung werde alles tun, um diese Form von Hass in all ihren Schattierungen zu stoppen und mit der ganzen Strenge des Gesetzes auch gegen jene vorgehen, die den Holocaust leugneten, sagte Chirac. Frankreich werde „sich immer an das jüdische Martyrium erinnern und nie vergessen, was es nicht zu verhindern gewusst hat.“
Rassistische oder antisemitische Akte und Gewalttaten hatten in Frankreich im vergangenen Jahr drastisch zugenommen. Die Zahl der gemeldeten Vorfälle und Straftaten schnellte im Vergleich zu 2003 um 82 % auf 1513 hoch. Fast ein Viertel davon - insgesamt 361 - waren nach Angaben des Innenministeriums mit Gewalt verbunden. 2004 gab es 182 Festnahmen wegen antisemitischer Akte oder Gewalttaten.
Chirac weihte das für 23 Mill. € in mehr als drei Jahren renovierte und ausgebaute „Mémorial de la Shoah“ im Marais-Viertel im Herzen von Paris ein. Das um 4000 Quadratmeter erweiterte Museum beherbergt mehr als eine Million Archivdokumente, mehr als 3500 Filme und Videos sowie etwa 1500 Fotografien und 259 Biografien von Holocaust-Überlebenden. 76 000 Namen von in Vernichtungslagern umgekommenen Juden aus Frankreich stehen auf einer Marmormauer, die für die Wiedereröffnung des Holocaust-Museums errichtet wurde.


