Schröder geht, und Merkel kommt
Herz für hohe Tiere

Das kühle Herz der Angela Merkel fängt plötzlich an zu klopfen, als Bundestagspräsident Norbert Lammert das Ergebnis zur Bundeskanzlerwahl verkündet. Es dauert ein paar Momente, bis die Macht in Angela Merkels Gesicht einzieht. Ansichten aus dem Bundestag.

BERLIN. Es dauert ein paar Momente, bis die Macht in Angela Merkels Gesicht einzieht. Die Digitaluhr im hohen Haus steht auf 10.52 Uhr. Bundestagspräsident Norbert Lammert verkündet soeben das Ergebnis. Schon springen ein paar fixe Unionsabgeordnete auf. Sie klatschen. Merkel indes bleibt in ihrem feinen schwarzen Hosenanzug mit Samtkragen auf ihrer Oppositionsbank sitzen. Und rührt sich erst einmal nicht. Doch Lammert geht mit dem Schneidbrenner ans Eis: „Bis zu diesem Augenblick war die Wahl geheim!“

Alle lachen. Sofort schießt Farbe ins heftig geschminkte Gesicht der ersten Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland. Von der Ehrentribüne aus verfolgten Merkels Eltern und ihr Bruder ihre Schmelzung. Das kühle Herz der Angela Merkel fängt plötzlich an zu klopfen.

Vom Ende her gesehen, vom Ergebnis, hat sie alles richtig gemacht. Die Physikerin im Kanzleramt hat die alten Schlachtrosse der Union allesamt beiseite gefegt und auch die Nervenprobe nach dem enttäuschenden Wahlausgang bestanden. Erst hat sie den renitent aufstampfenden Gerhard Schröder in Zaum gelegt, dann den Landesfürsten ihrer Union mit Steuergeldern und Rentenregelungen viel Zustimmung abgeknöpft. Und der SPD hat sie im Koalitionsvertrag den Ruf als organisierte Arbeitervertretung gelassen. Als Belohnung erhält sie jetzt das Ergebnis: 397 von 611 gültigen Stimmen hat sie bekommen. 51 nur fehlen aus der großen Koalition für das ganz große Glück.

Dabei hatte SPD-Fraktionschef Peter Struck seinen Abgeordneten 30 Minuten vorher einen weisen Rat mit auf den Weg gegeben. Schmunzelnd empfahl er: „Nun wählt sie mal schön, die Frau Merkel.“ Einigen von ihnen fiel es dann doch verdammt schwer, über ihren Schatten und über den Parteigraben zu springen. „Bis gestern Abend wollte ich sie nicht wählen. Doch heute früh habe ich mir gesagt: Wichtiger ist, dass die große Koalition einen guten Start hat. Alles andere wäre verheerend.“ So versetzt sich ein sozialdemokratischer Franke ins große Ganze, schlüpft in seinen dunklen Sonntagsdreiteiler, legt den weinroten Binder um und wählt dann ganz brav mit der Mehrheit. So haben es viele aus der SPD-Fraktion gemacht: gegen das eigene Herz votiert.

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