Schröder und Italien
Kanzler kam erst spät zur Toskana-Fraktion

Die Koffer bleiben erst einmal ungepackt. In Hannover, wo sich der Kanzler zu Hause von der Grippe erholt, muss möglicherweise noch kurzfristig umgeplant werden, was das Urlaubsziel angeht. Die Entgleisungen von Italiens Premier Silvio Berlusconi waren im Kanzleramt gerade erst zähneknirschend unter den Teppich gekehrt worden.

HB/dpa BERLIN. Da sorgen nun die anti-deutschen Ausfälle, ausgerechnet vom italienischen Tourismus-Staatssekretär Stefano Stefani, für neues Nachdenken über die Ferienpläne. Anlass genug jedenfalls, vielleicht doch noch in Katalogen nach Last-Minute- Angeboten zu suchen.

„Es handelt sich hierbei um eine Pauschalbeleidigung gegenüber allen Deutschen, die gerne in Italien Urlaub machen“, ließ der Kanzler durch seinen Sprecher Bela Anda den jüngsten Affront kommentieren. Falls diese Äußerungen über die „einförmigen, supernationalistischen Blonden“, die keine Gelegenheit ausließen, lärmend über die italienischen Strände herzufallen, „ohne Konsequenzen“ blieben, werde Schröder seine Italien-Ferien absagen, lautet die klare Kanzler-Ankündigung.

Auch der Urlaub 2003 verlief nicht ungestört

Eigentlich hatte sich Schröder nach dem weitgehend urlaubsfreien, kräftezehrenden Wahlkampfjahr 2003 auf eine ungestörte politische Auszeit in diesem Jahr gefreut. Bei der Berlin-Visite von Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi schwärmte der Kanzler kürzlich vor italienischen Korrespondenten von seinem Urlaubsdomizil in den Hügeln von Pesaro direkt am Adriatischen Meer. In der Rossini- Geburtsstadt hatte Schröder schon vor zwei Jahren mit Familie die Sommerferien genossen, im Haus des in Hannover lebenden Malers und Bildhauers Bruno Bruni, der seit langem zu seinem engsten Freundeskreis zählt. Auch dieser Urlaub verlief damals nicht ganz ohne Störungen.

Beim Strand-Ausflug schoss ein in einem Baum versteckter „Paparazzi“ Fotos vom Kanzler in Badehose. Auch bei anderen Italien- Reisen gab es schon einmal Anlass für Ärger. Etwa im Sommer 1999, als die Schröders nach dem ersten schweren Kanzlerjahr in der Idylle von Positano an der Costa Amalfitana in einer Pension mit gehobenem Anspruch Station machten. In der italienischen Presse hieß es damals, der Kanzler habe eine ganze Zimmerflucht in einer Luxusherberge angemietet, was von Schröder erst nachdrücklich dementiert werden musste.

Schily besitzt ein Landgut in Italien

Erst ziemlich spät stieß der SPD-Vorsitzende mit dem Italien- Faible dagegen zur leicht verpönten „Toskana-Fraktion“ in seiner Partei. Am vergangenen Ostern tauchte er bei einem Kurzurlaub in einer Eisdiele auf dem Campo von Siena auf. In der „Osteria de Logge“ tafelte er anschließend mit Otto Schily. Der Innenminister, der vor zehn Jahren ein Landgut in der Gemeinde Asciano ersteigerte, ist heute unumstrittener „Fraktionschef“, weiß der Berliner Journalist Ulrich Rosenbaum, der als penibler Chronist alle Toskana-Aktivitäten deutscher Politiker verfolgt. Schilys Vorgänger war der damalige SPD- Bundesgeschäftsführer Peter Glotz.

Mit dem Kampfbegriff „Toskana-Fraktion“ wurden laut Glotz Anfang der 90er Jahre jene SPD-Politiker tituliert, die als angeblich „hedonistische Modernisierer“ auftraten und dabei einen Lebensstil mit trockenem Weißwein, Seidenhemden, viel Nachdenklichkeit und Genussfähigkeit an den Tag legten. Jene „mittelalten, flippig auftretenden Herrschaften, des Italienischen nicht kundig, aber mit Häuslein in der Toskana ausgestattet“, beschrieb der gestorbene Publizist Johannes Gross diese politische Spezies. Als Prototyp galt der kurzzeitige SPD-Chef Björn Engholm, der allerdings Wert darauf legte, nie in der Toskana geurlaubt zu haben, sowie Schröders heutiger politischer Erzfeind Oskar Lafontaine, der viele Kurzurlaube in Florenz und Lucca verbrachte.

Schily war es nach den Recherchen Rosenbaums auch, der seinen einstigen Parteifreund Joschka Fischer zum überzeugten Mitglied der „Toskana-Fraktion“ machte. Der Grüne-Außenminister, der bislang trotz Berlusconi und Co. auch diesmal wieder jenseits der Alpen Urlaub machen will, ist ein Fan der Hügellandschaft der Crete südlich von Siena.

Wenn es nicht doch noch zu pauschalen Reiseabsagen der Berliner Politgrößen wegen der anti-deutschen Stimmungsmache aus Rom kommt, wird auch Fischer vor Ort dieses Jahr wieder auf viele bekannte Gesichter treffen. Grünen-Parteichef Reinhard Bütikofer etwa ist ebenfalls bekennender Toskana-Reisender. Und über ein Dutzend aufstrebender Nachwuchspolitiker vom SPD-Netzwerk hat sogar eine ganze Villa bei Montalcino in Beschlag genommen, um auf den Spuren von Glotz und Co. beim Brunello gemeinsam die Zukunft der SPD zu planen.

Weitere Informationen im Internet unter : http://www.toskanafraktion.de/

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