Schröder zeigt in Bochum Gefühle
"Wenn es denn Pathos sein muss"

Nach 80 Minuten setzte der Redner zum Schlussakkord an. Viel Kraft brauche die SPD jetzt. „Wir sollten sie nicht verschwenden, indem wir uns bekriegen“, beschwor Gerhard Schröder die rund 530 Delegierten am Montag in Bochum. Und mit gedämpfter Stimme fügte er hinzu: „Weil wir die Träume unserer Eltern im Herzen und die Zukunft unserer Kinder im Kopf haben.“

HB BOCHJUM. Knapp drei Minuten lang - nicht überschwänglich, aber erleichtert - feierte der Parteitag den Kanzler und SPD-Vorsitzenden für seinen nicht ganz alltäglichen Auftritt.

Schröder sprang in seiner eher leisen und ungewohnt emotionalen Rede über den eigenen Schatten. Er erfüllte erstmals, wenn auch in dosierter Form, die heimliche Sehnsucht des Parteivolks, dass der Vorsitzende auch einmal die Seele der SPD streicheln müsse, statt sie immer nur mit kühlen Argumenten zu überzeugen. Sogar zu der Formulierung „Wenn es denn Pathos sein muss“ ließ er sich hinreißen.

Auffällig viel Mühe gab sich Schröder auch, um die enge Klammer zwischen sich und der SPD deutlich zu machen. Zur Eröffnung des Kongresses begrüßte er mit Handschlag oder Umarmung die ganze Garde der Parteisenioren von Hans-Jochen Vogel bis zu Herbert Ehrenberg. „Ich bin seit 40 Jahren Mitglied der SPD. Bitte glaubt mir, auf nichts beziehungsweise auf weniges bin ich mehr stolz als darauf, Vorsitzender dieser großen Partei zu sein“, umschmeichelte Schröder zu Beginn seiner Rede die Delegierten.

Ja, die Wahlniederlagen der letzten Zeit schmerzten ihn ebenso wie die bedrückenden Umfragen: „Wären wir eine andere deutsche Partei, würden wir wahrscheinlich in die Knie gehen bei all den Problemen und Herausforderungen.“ Auch an dieser Stelle zog Schröder die Verbindung zur jüngeren Parteigeschichte. „Wie hat man denn Willy Brandt beschimpft und beleidigt, als er Deutschland zur Aussöhnung mit den Nachbarn und zu mehr Demokratie geführt hat?“ Auch damals sei die SPD fest geblieben. „Und sie ist für ihre Standfestigkeit und Geschlossenheit belohnt worden.“

Ein solches Happy-End stellte auch Schröder seiner derzeit gebeutelten Partei in Aussicht, wenn sie sich auf der letzten Wegstrecke der Reformen nur nicht aufgebe und an sich selbst verzweifle. „Wir dürfen dem politischen Gegner nicht ständig die Spickzettel für unsere Diskussion liefern“, lautete die wiederholte Mahnung.

"Reformagenda ist unumkehrbar"

Allen Grund habe die SPD, auf bisherige Regierungsleistungen wie den Atomausstieg und die Familienpolitik stolz zu sein. Ein klarer Fehler sei es gewesen, dass dies in der Öffentlichkeit nicht richtig vermittelt worden sei. Stark applaudiert wurde Schröders Passage zum Irak-Krieg. Das klare deutsche Nein ist für ihn der „Ausdruck des Selbstbewusstseins einer reifen Demokratie“.

Mit seiner Reformagenda hielt sich der Kanzler nicht übermäßig lange auf. Die sei ohnehin „unumkehrbar“, rief er in den Saal und wandte sich dann Zukunftsaufgaben wie Bildung oder Ganztagsbetreuung zu. Immerhin sorgte Schröder dann noch für eine Überraschung. „Das ist soziale Demokratie oder, wie wir es in unserem Berliner Programm nennen, demokratischer Sozialismus“, sagte er zur Verblüffung der meisten Delegierten. SPD-Generalsekretär Scholz, der die Aufnahme des Begriffs im neuen Programm für überflüssig hält, wurde von dem Kanzler-Bekenntnis ziemlich kalt erwischt. Der SPD-Manager war der einzige auf der Vorstandstribüne, der dazu keinen Applaus abgab.

Die meisten Delegierten schienen nach dem Kanzler-Auftritt wieder motivierter. In den vergangenen Monaten sei der Gipfel oft dunkel gewesen, dies sei nach der Rede nun anders, gab sich Fraktions-Vize Ludwig Stiegler bekehrt. Die Kritik an der Führung hielt sich in der Aussprache in Grenzen. Kaum einer der hartnäckigsten Kritiker fiel jedenfalls aus der Rolle.

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