Schüler wissen wenig über die Deutsche Demokratische Republik
Die DDR: Sozialparadies ohne Diktatur

Willy Brandt ein berühmter DDR-Politiker? Nein, der ehemalige Bundeskanzler und SPD-Chef in der Bundesrepublik. Das wissen 19 Jahre nach dem Mauerfall allerdings nur noch wenige Schüler aus Ost und West. Das zeigt eine aktuelle Befragung.

HB BERLIN. Willy Brandt war ein berühmter Politiker der DDR, die Stasi ein harmloser Geheimdienst. Und unter Erich Honecker gab es selbstverständlich demokratische Wahlen. Was so wirr und verdreht klingt, ist das Bild, das 19 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer viele Schüler in Deutschland Ost wie West von der DDR haben.

Das fanden Wissenschaftler des Forschungsverbundes SED-Staat der Freien Universität Berlin in einer am Freitag vorgestellten Studie heraus. Demnach war die Deutsche Demokratische Republik in den Augen vieler Jugendlicher ein soziales Paradies und keineswegs eine Diktatur.

Studienleiter Klaus Schroeder ist entsetzt über die Ergebnisse. „Die Schüler sind nur das letzte Glied in der Kette der Verklärung und Verharmlosung“, glaubt er nach der Befragung von mehr als 5200 Jugendlichen in Bayern, Brandenburg, Nordrhein-Westfalen sowie Berlin. Schließlich bekämen die Jungen und Mädchen, die beim Ende der DDR noch nicht selbst auf der Welt waren, ihre Ansichten von Eltern, Lehrern und Medien vermittelt.

Der Wissenschaftler fürchtet, dass es in anderen Bundesländern noch schlimmer aussieht. Während die Lehrpläne der vier untersuchten Länder die Behandlung der deutschen Teilungsgeschichte und der DDR vorsehen, werden diese Themen nach Aussage von Schülern und Lehrern vor allem in den neuen Bundesländern kaum im Unterricht behandelt. „Gymnasiasten aus Brandenburg wissen weniger über die DDR als bayerische Hauptschüler“, sagt Schroeder.

Aber eklatante Wissenslücken gab es auf beiden Seiten: So nahmen 35 Prozent der ostdeutschen und 16 Prozent der westdeutschen Schüler an, dass der frühere Bundeskanzler, SPD-Chef und Friedensnobelpreisträger Brandt ein DDR-Politiker war. Nur 38,5 Prozent (Ost) beziehungsweise 51,6 Prozent (West) wussten, dass die Wahlen in der DDR zu Honecker-Zeiten nicht demokratisch waren. Etwa die Hälfte in Ost wie West wusste nicht, dass die Stasi kein Geheimdienst war, wie es ihn in demokratischen Staaten auch gibt.

Die Forscher ermittelten auch einen direkten Zusammenhang zwischen Kenntnisstand und Urteil über die DDR. Wer wie einige der meist 16 und 17 Jahre alten befragten Schüler glaubt, dass die Bundesrepublik die Mauer baute oder dass es in der DDR keine Todesstrafe gab, der bewertet folglich auch das gesamte DDR-System eher positiv.

Viel problematischer als die mangelnde Schulbildung ist nach Schroeders Auffassung jedoch die Rolle der älteren Generationen in Ostdeutschland. „Viele Eltern und Großeltern erzählen nur vom vermeintlich positiven Alltag in der DDR, blenden das Negative dabei aber aus.“ Die Folge, so Schroeder: Selbst wenn die Lehrer ihren Schülern von den Mauertoten und den Methoden der Stasi berichteten, verharmlosten die Eltern diese Angaben oder stritten sie ganz ab.

Das belegen auch Hunderte Briefe und E-Mails, die Schroeder nach Veröffentlichung der ersten Teilergebnisse erhielt. Eine Frau schrieb: „Der Kern meines Bekanntenkreises, circa zehn Leute, Zonenkinder, mit Hochschulabschluss, circa Jahrgang 1978, sehen die DDR alle positiv.“ Ein 38 Jahre alter Vater aus Brandenburg meinte: „Erschreckend finde ich nicht das Ergebnis Ihrer Studie, sondern Ihre Äußerungen dazu. Deshalb mein Tipp an Sie: Wenn man keine Ahnung hat, sollte man den Mund halten.“

Schroeder will dennoch weitermachen. Die Jahre 2009 und 2010 – mit dem 20. Jahrestag des Mauerfalls und der Wiedervereinigung - böten sich an, um „Aufklärungsarbeit zu leisten“. Denn auch das ist ein Ergebnis der Studie: Viele Schüler ahnen, dass sie nur wenig über die DDR wissen - und würden gerne mehr erfahren.

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