Schuldenkrise

Weidmann kritisiert die Euro-Retter

Erst wenden sich zahlreiche Top-Ökonomen gegen die jüngsten Euro-Beschlüsse, dann folgt nur wenige Stunden später Bundesbank-Chef Weidmann. Auch er lässt kein gutes Haar an den Plänen der Euro-Retter.
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Jens Weidmann. Quelle: Reuters

Jens Weidmann.

(Foto: Reuters)

BerlinIn ungewöhnlich scharfem Ton hat der Präsident der Deutschen Bundesbank, Jens Weidmann, die jüngsten Beschlüsse des EU-Gipfels zur Überwindung der Eurokrise zerpflückt und als zu vage verworfen. Hinsichtlich des beabsichtigten Umbaus der Europäischen Union hin zu einer Fiskalunion habe der Euro-Gipfel der letzten Woche keine Klarheit geschaffen. „Ein definitives Urteil fällt schon deshalb schwer, weil die Beschlüsse einen weiten Interpretationsspielraum eröffnen“, kritisierte Weidmann am Donnerstabend bei einer Veranstaltung der Ludwig-Erhard-Stiftung in Berlin, wie aus dem Handelsblatt Online vorliegenden Redemanuskript des Notenbankers hervorgeht. Weidmann erhielt bei der Veranstaltung den Ludwig-Erhard-Preise für Wirtschaftspublizistik.

Weidmann wandte sich insbesondere gegen Pläne zur Schaffung einer Bankenunion. Anders als der Chef der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, hält Weidmann eine Bankenunion nicht für einen großen Fortschritt für Europa. „Eine Bankenunion ist kein kurzfristiges Instrument zur Lösung der bestehenden Probleme, sondern ein ambitioniertes Projekt, dessen Komplexität nicht hinter der der Währungsunion und der vergemeinschafteten Geldpolitik zurücksteht“, sagte Weidmann.

Auch mehr als 150 deutschsprachige Ökonomen hatten sich gegen das Projekt gewandt, für das sich auch die EU-Kommission in Brüssel stark macht. Im einem offenen Brief an die „lieben Mitbürger“ riefen die Wirtschaftsprofessoren um Ifo-Chef Hans-Werner Sinn die Bevölkerung auf, die aus ihrer Sicht falschen EU-Beschlüsse nicht mitzutragen, da deutsche Steuerzahler sonst für ausländische Banken mithaften müssten. Auch der Bundesverband der Deutschen Industrie warnte vor Fehlentscheidungen. Kanzlerin Angela Merkel wies die Sorgen zurück. „Es geht hier überhaupt nicht um irgendwelche zusätzlichen Haftungen“, sagte Merkel am Donnerstag in Berlin. Daher sollte sich jeder die Beschlüsse „wirklich gut anschauen und dann auch das berichten, was in diesen Beschlüssen steht“. Die Haftungen für Banken seien genauso verboten nach den jetzigen Regelungen wie es die Haftungen für Staaten seien. „Und insoweit hat sich durch die Brüsseler Beschlüsse nichts geändert an der derzeitigen Situation.“

Die Ökonomen sehen das anders, weil die Beschlüsse bisherige Grenzen überschritten hätten und ein Einfallstor für eine größere Haftung seien. „Die Entscheidungen, zu denen sich die Kanzlerin auf dem Gipfeltreffen der EU-Länder gezwungen sah, waren falsch. Wir (...) sehen den Schritt in die Bankenunion, die eine kollektive Haftung für die Schulden der Banken des Eurosystems bedeutet, mit großer Sorge“, heißt es in dem Appell. Mit den Beschlüssen werde nicht der Euro gerettet. Vielmehr würden sie den Gläubigern der Krisenbanken helfen. Das sei der falsche Weg: „Banken müssen scheitern dürfen.“ Da nütze es auch nicht, wenn Politiker hoffen mögen, die Haftungssummen begrenzen und den Missbrauch durch eine gemeinsame Bankenaufsicht verhindern zu können. Das wird ihnen aber kaum gelingen, solange die Schuldnerländer über die strukturelle Mehrheit im Euroraum verfügen.“

Bundesbank-Chef Weidmann hält das Bekenntnis zu einer echten europäischen Bankenaufsicht für unausgegoren. Diese institutionelle Weichenstellung könne im Prinzip zwar ein wichtiger Bestandteil einer stärkeren Integration der Währungsunion sein. Hier komme es aber ebenfalls auf die konkrete Ausgestaltung und die richtige Schrittfolge an. „Haftung und Kontrolle müssen auch hier in der Balance bleiben“, verlangte der Notenbanker. „Eine direkte Bankenrekapitalisierung über gemeinschaftliche Mittel sollte nicht vor einer Etablierung einer effektiven Aufsichtsstruktur und nicht ohne die vorherige Übernahme der Verantwortung für bestehende Fehlentwicklungen durch die Anteilseigner und die betroffenen Mitgliedstaaten erfolgen.“

Weidmann sieht lockere Geldpolitik kritisch
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113 Kommentare zu "Schuldenkrise: Bundesbank-Präsident schießt gegen Euro-Retter"

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  • Deutschlands Verschuldung liegt bei 81%, nicht bei 74%. Tz tz tz! Schlecht recherchiert!

  • Hallo, Rahdi (wie die Mahd)

    zur Abwechslung mal erwas Wichtigeres

    zeit.de. "Damit verschärft Finnland die Tonlage kurz vor dem Treffen der Finanzminister in Brüssel am kommenden Montag. Dort will das Gremium darüber beraten, wie die Gipfelergebnisse der vergangenen Woche umgesetzt werden können. Ein Streitpunkt ist die Errichtung einer Bankenunion, bei der eine gemeinsame Bankenaufsicht über den europäischen Bankensektor wacht und notleidende Banken im Zweifel direkt mit Kapital versorgt werden können.

    Urpilainen kündigte an, dass sie einer solchen Bankenunion nicht zustimmen werde. Auch einer anderen gemeinsamen Haftung werde man die Stimme verweigern."


    Hallo Rahdi, wie finden Sie das

    "... Errichtung einer Bankenunion, bei der eine gemeinsame Bankenaufsicht über den europäischen Bankensektor wacht und notleidende Banken direkt mit Kapital versorgt werden können."

    Schönen Gruß , alles "klar" jetzt




  • In der EZB haben wir m.W. genau 1 Stimme - genausoviel wie Zypern oder Malta. Warum werden so kleine, nicht systemische Länder überhaupt gerettet? Sie gefährden nicht die Eurozone. Deutsche Banken müssen ihre Bilanzen halbieren, Kredite bei nächster Gelegeneheit kündigen und damit deutsche Firmen in die Insolvenz stürzen zL deren Eigentümer, damit dann Griechen mit Bargeld (!) die zwangsläufig auf den Markt geworfenen Sachwerte (Immobilien, Schiffe) als Schnäppchen kaufen können. Und der Regierung sind spanische Sparkassen mit Schrottimmo-bilien in der Pampa wichtiger als diese deutschen Firmen? Die nötigen Abschreibungen dieser spanischen Sparkassen zu finanzieren überfordert Europa ! Wir müssen unsere Bad Bank HRE, den ehemaligen Kommunalfinanzierer (!), ja auch alleine durchschleppen.

  • @Rechner

    Dass der "Popper" genau ihr Fall ist, war nicht anders zu erwarten. Zwei obrigkeitshörige/obrigkeitsgläubige Gutmenschen als Auftragsschreiber der Politkaste haben sich gefunden. Kollegen sozusagen.
    Na, da dürfte der baldigen Hochzeit ja nichts im Wege stehen... ;-)

  • Wir Deutschen sollten unser Geld von den Banken abheben, Steuerzahlungen einstellen und Kredite zum Nulltarif bei unseren Nachbarn beantragen. Dann kaufen wir uns Immobilien in Griechenland, Spanien, Italien......., lassen uns die Sonne aufs Haupt scheinen und schicken unsere europäischen Bänkster nach Deutschland als Ein-Euro-Jobber! Was für ein Spaß. Liebe Frau Merkel, bekomme ich jetzt für diese Fundamentalanalyse ein Honorar in Höhe von 5.000.000 Euro, wie das so üblich ist für die Herren aus der "unabhängigen" Beraterbranche?

  • tja, verehrter Rechner, die Krux bei der Angelegenheit ist nur, dass Gärungsprozesse nicht vollständig in der Hand des Winzers liegen. Die Güte der Trauben, wenn es denn Wein werden soll, ist nicht ganz ohne Bedeutung, ebenso eine sorgfältigste Beobachtung und Steuerung während der Gärung ist angesagt. Und wie bemerkt, es kann auch etwas schief gehen,z.B wenn es mit den Behältern nicht ganz stimmt, in denen der Gärungsprozess stattfindet.
    Im übrigen gären ohne "th", gähnen schreibt man mit "th", gären indessen nicht.
    Also ein bißchen um Ihre Rechtschreibkompetenz sollte Sie sich schon bemühen, wie "barnie"bereits angemerkte. Sie wollen hier doch ernst genommen werden.

    Schönen Gruß , alles "klar" jetzt

  • UND WEIL SIE SO RECHT HABEN,
    IST EINE BUNDESKANZLERIN
    MERKEL AUCH NICHT MEHR
    TRAGBAR.

  • @ Rechner

    Ja, ich weis. daß die Wahrheit oft weh tut.
    Zumal die Medien bisher erfolgreich die Fakten und ihre Auswirkungen verschleierten.

    Schön, daß auch mal jemand die Auswirkungen für die deutsche Bevölkerung anspricht. Wichtig in diesem Zusammenhang wären auch die Auswirkungen auf unsere Kinder und Enkel.

    Schönen Tag noch.

  • Sch**st gegen wen?

    http://pdf.zeit.de/1990/08/manager-und-maerkte.pdf

    http://dynip.name/20120706-0857-ecbint.jpg

    finden Sie die Wettbewerbsverzerrung in diesem Formular

    http://dynip.name/blitzkrieg.ss/IAhova.jpg

    Steinigung -> _Ie|nova

    http://dynip.name/blitzkrieg.ss/j.e.hoova-stau-dammig-sauger.jpg

    Wir könnten dann jetzt die "telefondiktierbänder" an die Börse "durchstellen"! NICE-Server!

    http://www.nice.com/compliance-recording/call-recording

    Wer hat alles sein Diktiersystem auf Voice_Rcognition trainiert? DAS SIND DIE TEXTE DIE ALLE SILBEN ENTHALTEN DIE IN EINER SPRACHE VORKOMMEN. SO AUFGENOMMENE SAMPLES MÜSSTEN VERWENDET WERDEN KÖNNEN UM SIE SAGEN ZU LASSEN WAS IMMER JEMAND ANDERES MÖCHTE.

    voice/speech recognition training
    http://en.wikipedia.org/wiki/Speech_recognition

    http://www.microsoft.com/en-us/download/details.aspx?id=10121

  • Merkel: "Die Haftungen für Banken seien genauso verboten nach den jetzigen Regelungen wie es die Haftungen für Staaten seien."
    Jetzige Regelungen: Die Regelungen werden schon geändert, bevor die "jetzigen" vom Parlament verabschiedet sind. Wenn Haftungen für Staaten verboten sind, warum unterschreibt D dann den ESM?
    Weidmann bringt ein paar gute Punkte. Nachdem er monatelang das Target2-Problem verharmloste, weist er auf die Komplexität eine Bankenunion hin, die dem des Eurosystems nicht nachsteht. Nun, die Fehler des Eurosystems: target2, ELAs, Runterschrauben der Sicherheiten, fragwürdige Stimmverteilung im EZB-Rat,einheitliche Zinspolitik.... sind klar. Die Fehler, die in einer Bankenunion gemacht werden, dürfen noch katastrophaler sein.
    Das Wortverdrehen von Merkel, die jede Aufgabe ihrer Positionen als Erfolg verkauft, ist zu offensichtlich.
    Und wie immer macht die EU den 2. vor den 1. Schritt: Erst Fiskal- und politische Union, dann Bankenunion.
    Nur denke ich, dass keine Staat, also die Bürger, eine echte Fiskal- oder politische Union möchte.
    Beim Versuch, die Krise zu lösen, wird es für die Deutschen immer teurer, immer weniger Ausgestaltungsmöglichkeiten, immer weniger demokratische Rechte. So auch bei der Bankenunion, die die nächste Eskalationsstufe vor dem Knall ist.

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