Schuldenkrise

Das wortreiche Scheitern der Euro-Erklärer

Jetzt mahnt gar der Präsident die Kanzlerin, den Bürgern die Euro-Rettung besser zu erklären. Der Politik ist der Klartext abhanden gekommen, Ökonomen und Verbände kämpfen untereinander. Wer lichtet die Euro-Kakophonie?
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Miniaturbauarbeiter an einer Euro-Münze. Quelle: dpa

Miniaturbauarbeiter an einer Euro-Münze.

(Foto: dpa)

BerlinKrisentage sind ungemütliche Tage – insbesondere für Regierende. In der Euro-Frage ist das so. Für die schwarz-gelbe Koalition vergeht kein Tag, an dem nicht über die Bewältigung dieser ewigen Krise debattiert und gestritten wird. Sollen auch Banken über den Rettungsschirm ESM gerettet werden? Was sagt Karlsruhe? Bekommen Krisenländer nun einfacher deutsches Geld? Die Fragen, die die Politik umtreiben sind vielfältig. Und sie sind vor allem komplex. So komplex, dass Bürger längst keinen Durchblick mehr haben. In dieser Phase hat sich der Bundespräsident eingeschaltet und die Kanzlerin in die Pflicht genommen.

Joachim Gauck appellierte an Angela Merkel, die umstrittenen Maßnahmen zur Euro-Rettung besser zu erklären. „Sie hat nun die Verpflichtung, sehr detailliert zu beschreiben, was das bedeutet, auch fiskalisch bedeutet“, sagte Gauck im ZDF-Sommerinterview. Er sei daher auch froh über die Klagen gegen den dauerhaften Euro-Rettungsschirm ESM und den europäischen Fiskalpakt, betonte Gauck mit Blick auf die öffentliche Verhandlung des Bundesverfassungsgerichts am Dienstag.

Mit seinem Wunsch nach mehr Klartext stellt sich Gauck demonstrativ an die Seite der Bürger, die wissen wollen, was künftig auf sie zukommen wird. Nur, wer soll die Frage bis ins Detail beantworten können? Selbst Gauck räumt ein, dass es manchmal mühsam sei zu erklären, worum es gehe. Und manchmal fehle auch die Energie, der Bevölkerung sehr offen zu sagen, was eigentlich passiere.

Was passiert, dürfte auch nicht nur Merkel wissen. Die Kanzlerin ist auf dem Euro-Erklärfeld nicht alleine unterwegs. Täglich kursieren etliche Versuche anderer Staats- und Regierungschefs, die Rettungspolitik so in die Öffentlichkeit zu tragen, dass sie auch verstanden wird. Und auch der Bundestag betätigt sich als Euro-Erklärer. Expertisen setzen regelmäßig auch diverse Verbände in die Welt. Und auch Ökonomen sind am Werke und streuen ihre vermeintlichen Gewissheiten in den öffentlichen Raum. Es mangelt also nicht an Erklärungen.

Woran die Debatte krankt, ist, dass sich die Diskutanten selten grün sind. Auf allen Ebenen wird gestritten – „um des Kaisers Bart“, wie das Altkanzler Helmut Schmidt vor kurzem auf den Punkt brachte. Herauskommt eine Euro-Kakophonie ohne klares Ziel. Das erschwert für alle das Verständnis für die Euro-Materie. Wer sind die Akteure, die sich in der Debatte teils gegenseitig blockieren – und wer sind die wahren Euro-Retter? Ein Überblick.

Bundeskanzlerin Angela Merkel
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71 Kommentare zu "Schuldenkrise: Das wortreiche Scheitern der Euro-Erklärer"

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  • Sehr geehrte Damen und Herren,
    man muss kein BWL-Professor sein, um die beiden Extrem-szenarien beurteilen zu können. Es ist Unsinn, wenn behauptet wird, Europa existiere nur mit dem Euro. Vor der Euroeinführung existierte auch ein politisches Europa.
    Sicher würden die Exporte aus Deutschland zurückgehen, wenn der Euro fiele. Aber die Gesamtvolkswirtschaft hätte weniger Kosten: Mit dem Euro müssen die Exportgüter in Schuldenstaaten zu nahezu hundert Prozent vom Steuerzahler finanziert werden. Es wäre besser, diese Güter erst gar nicht zu produzieren, dann sparte die Volkswirtschaft wenigstens die zur Produktion benötigten Rohstoffe und die Energie!

    Dr. H.-J. Sterzel

  • "Imn dem von Ihnen andiskutierten Szebario eines 'Zusammenbruchs des Euro' ... der Ausfall der Forderungen des deutschen Finanzsektors in etwa der doppelten Höhe [d.h. doppelt von 1,2 Billionen Euro] an 'resteuropäische' Wirtschaftssubjekte würde soieso zum Finanz- und Wirtschaftskollaps in Deutschland führen, ..."

    Hier wird es interessant, und eigentlich hätte ich solche Informationen gern von der deutschen Regierung und nicht nebenbei aus dem Internet:

    Wie kann ein Euro-Zusammenbruch, also lediglich die Rückkehr zu nationalen Recheneinheiten, die realwirtschaftlich zunächst gar nichts ändert, dann aber unsere Schuldner wettbewerbsfähig machen würde, plötzlich zu so hohen Verlusten des Finanzsektors führen, Verluste, die sonst nicht eingetreten wären? Ernste Frage, denn das verstehe ich nicht.

  • liebe redakteure des handelsblatts,
    sehr euch einfach mal diesen film an.
    dann könnt ihr artikel schreiben die man auch ernst nehemen kann.
    http://www.youtube.com/watch?v=9uhCtZ5N-pQ&feature=player_embedded

  • Würde man den Leuten offen und ehrlich die Wahrheit über den Euro sagen, so würden sie ihn ein für allemal und endgültig ablehnen. Deshalb eiert man sich mit Lügen und Verdrehungen um de Wahrheit herum

  • 'Peter_G' sagt:
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    Bisher sind einige Verluste (aus Bürgschaften) noch nicht angefallen, viele sind aber schon angefallen, sind aber noch nicht sichtbar, da sie buchhalterisch noch nicht realisiert wurden. Noch können wir glauben, dass wir reich sind. (Bei Bürgschaften merkt man erst am Ende, dass das Geld weg ist, auch wenn der Fehler, die Bürgschaft, schon lange vorher gemacht wurde.)
    -------------------

    Richtig.

    Die EFSF-Forderungen an Griechenland kann man mE abschreiben. Da ist Deutschland mit rund 60 Milliarden dran - dazu kommt - beim jetzigen Stabd - Rekapitalisierungsbedarf der EZB, von dem auf Deutschland wohl noch etwa 20 Milliardedn entfallen werden.

    Sollte - was ich nicht hoffe - das 2. Hilfsprogramm weiter durchgeführt werden wird sich die erste Zahlum etwa 25 Milliarden erhöhen, und die zweite um 20 Milliarden verringern.

    Die Forderungen an Portugalund Irland, die wir via EFSF haben, und diejenigen die wir an Spanien voraussichtlich haben werden, sollten mE aber einbringlich sein. Denn während Griechenland eine Komödie der Ausflüchte verabstaltet hat, haben diese Länder bisher schon erhebliche Reformsanstrengungen unternommen.

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    Imn dem von Ihnen andiskutierten Szebario eines "Zusammenbruchs des Euro" wären die Verbindlichkeiten die sich aus EFSF/ESM ergeben sowie die Forderungen der Bundesbank an die EZB von insgesamt etwa 1,2 Billionen aber gar nicht mehr relevant.

    Denn der Ausfall der Forderungen des deutschen Finanzsektors in etwa der doppelten Höhe an "resteuropäische" Wirtschaftssubjekte würde soieso zum Finanz- und Wirtschaftskollaps in Deutschland führen, und damit auch zur deutschen Staatspleite.

  • Wenn Strick und Schwerkraft für (Grund)Gesetzbruch noch in Gebrauch wären,hätten wir alle die Schulden-Banken-Eurokrise mit Sicherheit nicht!Was lernen wir daraus?
    Unsere humanistische europäische Einstellung und Gesetzgebung der Neuzeit bringt die Gemeinschaft als Ganzes an den Abgrund oder dem Strick näher als uns lieb ist.Mit dem bekannten Ergebnis:
    Die Executive und "freie Bankenwirtschaft macht was sie will! They get away with murder every time.
    Wie lange lassen wir Bürger dieses Spiel noch zu,auch im Namen der Demokratie? Die Geschichte Europa´s sollte auch hier Beispiel geben- genug ist eben genug!

  • Das schreibt und mahnt ausgerechnet eine Zeitung an, die sich ständig an dieser Kakophonie beteiligt. Anstatt die Rolle eines kritischen Journalismus endlich wahrzunehmen und die Menschen im Land aufzuklären wird weiter munter darauf los polemisiert.

  • zu Rechner, 21:29:

    "Die Bundesregierung richtet sich mit ihren Verlautbarungen offensichtlich nicht an ein Fachpublikum, weil dieses leider nur einen kleinen Teil der Bevölkerung ausmacht."

    Nichts würde die Regierung daran hindern, sich mit *einigen* Verlautbarungen an den großen Teil der Bevölkerung wenden und mit einigen *anderen* ans kundige Fachpublikum. Sie hat sich aber entschieden, es nicht zu tun. Warum nicht? Kann sie es nicht oder hat sie etwas zu verbergen?

    "Weshalb man eben die ökonomischen Folgen der von der Bundesregierung eingegangenen Verpflichtungen selbst beurteilen muß. Und meine Beurteilung fällt da eher positiv aus."

    Bisher sind einige Verluste (aus Bürgschaften) noch nicht angefallen, viele sind aber schon angefallen, sind aber noch nicht sichtbar, da sie buchhalterisch noch nicht realisiert wurden. Noch können wir glauben, dass wir reich sind. (Bei Bürgschaften merkt man erst am Ende, dass das Geld weg ist, auch wenn der Fehler, die Bürgschaft, schon lange vorher gemacht wurde.)

    Die Optik kann sogar noch verquerer kommen: Wenn der Euro zusammenbricht, dann müssen alle viele Abschreibungen vornehmen, so dass es so aussieht, als seien diese Verluste dem Ende Währungsunion geschuldet. Tatsächlich sind diese Verluste aber schon lange vorher real angefallen, man hatte sie bloß noch nicht buchhalterisch realisiert; sie sind also von der Währungsunion, nicht aber von ihrem Ende verursacht.

    ------

    Ich hoffe mit Ihnen, das alles gut geht, glaube es aber eher weniger. Wenn Merkel & Co. sich besser erklären könnten, hätte ich vielleicht mehr Vertrauen. Hat hier noch jemand spanische Anleihen? Die sind zur Zeit günstig!

  • Sie solle uns genauer erklären, wie der neoliberale Putsch gegen das Grundgesetz konstruiert ist, hat der als Kritiker der Kritiker bekannte Bundespräsident leider nicht gesagt. Er meint, die Kanzlerin müsse irgend etwas besser erläutern, “sehr detailliert” nämlich, und zwar im Zusammenhang mit der “Eurorettung”. Was sollen das wohl für Details sein?

    Dass das Grundgesetz außer Kraft gesetzt wird? Dass kein Euro nicht gerettet wird, sondern immer und immer wieder Banken und ihre Großkunden? Soll die Kanzlerin ihrem Wahlvolk diejenigen volkswirtschaftlichen Hintergründe erläutern, die sie selbst nicht verstanden hat oder ignoriert und die ihre Berater seit Jahren zum Vorteil der Spekulanten in Dunkelheit tauchen?

    Kalkül der Macht

    Oder soll sie vielleicht das Kalkül ihres Machtgebrauchs offenlegen? Wer mit wem wo was abgesprochen hat zum Beispiel, von ACTA über Rüstungsexporte bis hin zum ESM? Soll sie uns vielleicht erklären, wieso Griechenland so kurz und klein gespart wird, dass es in den Familien nicht mehr für den täglichen Bauernsalat reicht – während die Milliarden für deutsche U-Boote uneingeschränkt fließen?

  • I-Ton 'wutbayer'
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    ich freue mich riesig, daß es zumindest einen gibt, der den ESM verstanden hat und per "investor relations reporting" alle aktuellen Presseberichte dieses Haufens uns in Zukunft mitteilen kann - gratuliere aufrichtig!
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    Es gibt wohl mehr als einen.

    Auch wenn Sie bisher nicht dazugehören.

    Aber - Die Bundestagsdrucksache 17/9045, die den Wortlaut des ESM-Vertrags nebst Einführungsgesetz beinhaltet in der vom Bundestag verabschiedeten Fassung können Sie sich hier zu Gemüte führen:

    http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/17/090/1709045.pdf

    Dann brauchen Sie keine Lügenmärchen aus dritter Hand mehr zu verbreiten.

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