Schulpflicht für Flüchtlinge
„Woher kommst du?“

Tausende Flüchtlingskinder werden in den nächsten Jahren in Deutschland zur Schule gehen. Viele sprechen kaum Deutsch, die Integration ist schwierig. Doch es gibt auch Beispiele, die zeigen, wie es funktionieren könnte.

Düsseldorf
Die 16 Schulkinder singen ein Lied, dann stellen sich die Sitznachbarn gegenseitig die Frage: „Hallo, woher kommst du?“. Ein Kennenlernspiel, wie es wahrscheinlich jeder von seinem ersten Tag in der Grundschule kennt. Doch das hier ist keine Grundschule, es ist das Nord-Ost-Gymnasium im Essener Nordviertel. Und die Kinder kommen nicht aus Essen, sie kommen aus der ganzen Welt. Ibrahim kommt aus Syrien, Mohammed kommt aus Libyen, andere kommen aus Kroatien, Afghanistan, Pakistan oder dem Irak. So wird die harmlose Vorstellungsrunde zu einem Abriss der Krisenherde rund um den Globus.

Das Kommando führt Ljubov Jakovleva-Schneider. Sie ist Lehrerin, ihr Fach ist Deutsch, allerdings als Fremdsprache. Seit zwölf Jahren unterrichtet sie nun schon an dem Essener Gymnasium die sogenannte „Quereinsteiger-Klasse“. Zehn- bis 14-jährige Kinder lernen hier Deutsch, damit sie mittelfristig in den Regelschulbetrieb integriert werden. Zugewiesen werden sie der Schule durch die Stadt Essen, die für die Verteilung der Flüchtlinge zuständig ist.

Grundsätzlich hat jedes Kind in Deutschland das Recht, eine Schule zu besuchen. In den meisten Bundesländern gilt auch die Schulpflicht für alle Kinder, unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus. Die genauen Rahmenbedingungen schwanken von Land zu Land. Während sich beispielsweise Berlin auf ein „Schulrecht“ beschränkt, gilt in Nordrhein-Westfalen für alle Kinder zwischen sechs und 18 Jahren die Schulpflicht, dementsprechend also auch für die Kinder, die in den vergangenen Wochen und Monaten als Flüchtlinge nach Deutschland kamen. Aktuell geht das Bundesinnenministerium von rund 800.000 Flüchtlingen im Jahr 2015 aus, etwa 270.000 davon dürften minderjährig sein. Wie viele von ihnen tatsächlich im schulpflichtigen Alter sind, erfassen die zuständigen Bundesländer nicht genau. Aus Angst vor dem befürchteten Ansturm auf die Schulen forderten manche Politiker – unter anderem der Thüringer SPD-Vorsitzende Andreas Bausewein – die Schulpflicht für Flüchtlingskinder auszusetzen.

„Früher kamen die meisten meiner Schüler aus dem europäischen Ausland, seit kurzem aber vor allem aus Syrien“, erzählt Jakovleva-Schneider. Für sie stellt das kein Problem dar: Zwar kann sie, wie sie selbst sagt, eigentlich nur Deutsch, Englisch und Russisch. Doch trotzdem kann sie fast jedem Kind die Vokabeln in seiner Muttersprache erklären, egal ob nun in Kurdisch, Arabisch oder Kroatisch. Und wenn sie dann doch einmal mit ihrem Latein am Ende ist, irgendeiner ihrer Schüler kann meist aushelfen, da auch sie häufig mehrere Sprachen sprechen.

„Es geht in dieser Klasse schließlich auch darum, dass die Kinder sich gegenseitig helfen“, sagt die Lehrerin. Man müsse den Kindern viel mehr beibringen als nur eine Sprache, etwa die Umstellung von arabischen auf lateinische Schriftzeichen. In dem Fall muss dann der Berliner Bär aushelfen. Das Plüschtier sitzt auf ihrem Tisch und kommt immer mal wieder als Lehrergehilfe zum Einsatz. Was auch schon wieder schwierig sein kann, manche in der Klasse haben noch nie einen Bären gesehen.

Nicht jede Schule kann die Kinder in separaten Deutsch-Klassen unterbringen, manchmal werden sie einfach direkt in den Regel-Unterricht integriert, was sowohl die Schüler als auch die Lehrer überfordert. „Ich denke schon, dass unser Modell die Integration fördert“, sagt Udo Brennholt, Direktor am Nord-Ost-Gymnasium. Die Kinder würden nicht überfordert, andererseits aber durch Teilnahme an bestimmten Fächern wie etwa Sport trotzdem schon integriert: „Das funktioniert in jedem Fall besser, als wenn die Kinder irgendwo außerhalb der Schulen Deutsch lernen.“

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Lehrerverband fordert mehr Personal

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