Schutzschirm
Staat spielt Kreditversicherer

Vielen Kreditversichern wird es in der Rezession zu heikel, ein Ausfall der Warenströme droht. Der Staat soll deshalb teilweise die Rolle der privaten Kreditversicherer übernehmen. Bis Ende des Monats wollen Versicherer und Beamte ein Modell dafür ausarbeiten. Dabei geht es nach Informationen des Handelsblatts nicht nur darum, den Versicherungsschutz für Lieferanten zu ergänzen.

FRANKFURT. Überlegt wird auch, wann der Staat das Risiko eines Forderungsausfalls voll übernimmt. Das geplante Hilfsprogramm bedeutet eine weitere Milliardenlast für den Staat, wenn die versicherten Forderungen ganz oder teilweise ausfallen sollten.

Auf dem Tisch liegen drei Modelle. In der einfachsten Form spränge der Staat dort ein, wo die Kreditversicherer aufgrund ihrer Risikoabwägung den Schutz gesenkt haben. Hier ergäbe sich eine Risikoteilung zwischen Staat, Versicherer und Kunde, der einen Selbstbehalt trägt.

Schwieriger ist Variante zwei. Vielfach lehnen es die Kreditversicherer komplett ab, Lieferungen zu decken, weil sie Ausfälle fürchten. Der Staat könnte an deren Stelle treten. Doch damit übernimmt er schwer kalkulierbare Ausfallrisiken. Experten sehen eine Grauzone: Nicht jedes Unternehmen in einer Krisenbranche dürfte ja insolvent werden. Der Staat müsste also mit Hilfe der Versicherer jene herauspicken, die noch solide erscheinen.

Das dritte Modell wird nicht mehr diskutiert. Theoretisch könnte der Staat Schäden der Versicherer ab einer bestimmten Grenze übernehmen. Das wäre jedoch praktisch eine direkte Staatshilfe an die Assekuranz und ist für die Versicherer daher kein Thema.

Im Endeffekt geht es nun um die künftige Rolle des Staates als Kreditversicherer. Diese Hilfe soll zeitlich begrenzt sein, etwa ein Jahr. Ihr Sinn: eine Abwärtsspirale in der Wirtschaft zu vermeiden und den Warenfluss zwischen Unternehmen aufrechtzuerhalten. Die Kreditversicherer müssen die Risikoprüfung im Einzelfall übernehmen, denn dafür fehlen dem Staat die Möglichkeiten. Dennoch lädt die Staatshilfe zum Trittbrettfahren ein, befürchten Experten. Christoph Schäfer, Leiter Recht und Steuern im Gesamtverband Textil und Mode, sagt: „Wir wollen keine Parallelversicherung durch den Staat.“ Schwierig sei allerdings die Abgrenzung im Einzelfall. „Eine Rosinenpickerei durch die Kreditversicherer darf es nicht geben.“

Das Problem: Die Kreditversicherer wollen Gewinne machen, sie fliehen aus Problembranchen und könnten wegen der Staatshilfe ihren Schutz noch stärker zurückfahren. Andererseits fragen derzeit mehr Unternehmen als bisher nach Versicherungen. Erfolgreich ist aber nur ein Teil.

Vertreter der Industrie sind daher nach wie vor sehr unzufrieden. Andreas Möhlenkamp, Hauptgeschäftsführer des Wirtschaftsverbandes Stahl- und Metallverarbeitung in Düsseldorf, warnt vor einem „Etikettenschwindel“: „Die Kreditversicherer sollten nicht so tun, als ob sie selbst zur Lösung der Krise beitrügen.“

Auch auf die Gefahr hin, dass Versicherer sich auf Kosten des Staates schadlos halten könnten, lange Debatten möchte keiner. „Wichtig ist: Die Lösung für die Industrie muss schnell kommen und den Lieferanten was bringen“, sagt Schäfer. Doch rasche Entscheidungen sind Branchenkreisen zufolge fraglich. Zwar will Staatssekretär Hartmut Schauerte aus dem Wirtschaftsministerium bis Ende Juni eine Lösung. Doch ob das neue System vor der Sommerpause die Berliner Hürden passiert, bezweifeln Insider. Denn der Finanzminister muss zustimmen, weil es um Milliarden geht.

Ende 2008 deckte die Kreditversicherung Lieferungen im Wert von 286 Mrd. Euro. Mehr als ein Prozent davon gelten als extrem riskant. Auf den Bund käme also ein Ausfallrisiko von drei Mrd. Euro oder mehr zu – je nach seiner künftigen Rolle. Als möglich gilt daher, dass die Hilfe erst im Oktober kommt – nach der Bundestagswahl.

Finanzierung im Warenverkehr

Versicherung: Die Kreditversicherer gewährleisten Warenströme. Sie zahlen nicht nur bei Insolvenz des Kunden, sie prüfen auch dessen Bonität, warnen frühzeitig vor Problemen und treiben im Zweifel das fällige Geld ein.

Staat: Im Geflecht zwischen Versicherer, Lieferant und Kunde ist der Staat überflüssig. Er soll nun jedoch einspringen, weil es den Versicherern immer öfter zu heikel wird. In einer normalen Rezession gäbe es dafür keinen Notwendigkeit, doch derzeit fürchten viele krisenbedingt eine Beschleunigung des Abschwungs.

Finanzierung: Die Absicherung des Warenverkehrs zwischen Unternehmen durch Versicherer ist in den vergangenen Jahren wichtiger geworden. Der Grund: Die Banken haben sich insbesondere im Mittelstand als Finanzier zurückgezogen. Dies zeigt ein Vergleich von Lieferanten- und Bankkrediten in Deutschland seit 2002. Der Lieferantenkredit hat in den letzten Jahren immer mehr im kurzfristigen Bereich eine wichtige Finanzierungsfunktion übernommen. Gleichzeitig ist deshalb die Bedeutung und Notwendigkeit der Kreditversicherung gestiegen.

Zahlungsverhalten: Unternehmen bezahlen ihre Rechnungen in Europa unterschiedlich schnell. Die Zahlungsziele in Deutschland und den nordischen Ländern sind relativ kurz. Nach einem Monat ist das Geld da. In Südeuropa kann es drei Mal so lange dauern. Für deutsche Unternehmen war es schon immer ein Problem, dass im Ausland wesentlich längere Zahlungsziele gewährt werden mussten, um erfolgreich auf diesen Märkten zu operieren. Hier ist auch das restriktive Verhalten der Kreditversicherer für die Unternehmen am schmerzhaftesten.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%