Schwarz-Rot
Die Leiden der Thüringer SPD

Wochenlang haben sie diesen Tag vorbereitet. In der Nacht fällt die Thüringer SPD eine weitreichende Entscheidung – gegen das Pilotprojekt Rot-Rot-Grün. Selten hat ein einziger Tag die Seele und Entscheidungsfindung einer Partei so bloßgelegt.

ERFURT. Der Chef versucht, Ruhe zu bewahren am Ende dieses langen Tages, er versucht, zu beruhigen, zu werben. Der Mann für strategische Finessen und Strippenziehereien sitzt, ein Monument seiner selbst, mit versengendem Blick, den Oberkörper aufgebaut, das Kinn weit nach vorne geschoben. Das fahle Licht im Saal stempelt die Fassungslosigkeit über das, was in diesem Moment schon entschieden ist, nur tiefer in einige Gesichter.

Sie sitzen in einem Glashaus, Erdgeschoss. Sobald sie diese Runde auflösen und den Raum verlassen, werden sie viel zu erklären haben. Es geht um viel. Es geht um die Zukunft, die Zukunft Thüringens, die der SPD, vielleicht die Deutschlands.

Dann, kurz nach Mitternacht, am Donnerstagmorgen, nach vier Stunden heftiger Diskussion, nach Protesten, Zweifeln und Verzweiflung, fliegt die Tür auf und Christoph Matschie, der Chef der Thüringer Sozialdemokraten, tritt vor die Presse. Er verkündet, was über verabredete SMS und gut informierte Menschen aus dem inneren Kreis nach außen gedrungen ist: dass er mit der CDU die künftige Landesregierung bilden und schnell Koalitionsgespräche führen will. Die Entscheidung des Parteivorstands sei nach „reiflicher Erwägung“ gefallen. Es sei die Möglichkeit, „eine stabile Regierung“ zu bilden, sagt Matschie.

Stabil. Das Wort, das eine wichtige politische Entscheidung begründet, die sich über fünf quälend lange Wochen hingezogen hat. Sie war bis zur letzten Minute knapp; auch wenn das Ergebnis, das mehrere Sitzungsteilnehmer kolportieren, anderes besagt: Der Vorstand der Thüringer SPD stimmte mit einer Zweidrittelmehrheit für das Regierungsbündnis mit der CDU.

Ein langer Septembertag geht zu Ende, an dem wie unter einem Brennglas vieles von dem zu besichtigen ist, was die gesamte SPD hinter sich hat – und: was ihr noch bevorsteht. Die Suche nach ihrer Mitte, ihrem Kompass. Bleibt sie in der Mitte? Zieht es sie nach links, so dass in ein paar Jahren vielleicht eine rot-rot-grüne Bundesregierung möglich ist?

Selten hat ein einziger Tag die Verwundung einer Partei und das Ringen um eine schwierige Entscheidung so bloßgelegt wie dieser Mittwoch.

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