Schwarze Hochburg Sauerland
CDU bemüht sich um die SPD-Klientel

Jedes Jahr kurz vor Beginn der Osternacht geschieht Unheimliches in Hallenberg. Sämtliche Lichter in den Häusern werden gelöscht, die Einwohner versammeln sich auf den Straßen und veranstalten einen infernalischen Lärm. Sie schlagen mit Hämmern auf Kreissägeblätter, schütteln Rasseln, einige tragen große erleuchtete Kreuze. In Hallenberg im naturgewaltigen Sauerland erwartet Besucher eine andere Welt mit kuriosen Bräuchen.

HALLENBERG. Friedrich Merz fühlt sich dort pudelwohl. Seine Familie weilt seit acht Generationen im „Land der tausend Berge“, genauer gesagt, in Brilon. Als der CDU-Finanzexperte neulich Hallenberg besuchte, gab es eine typische Begrüßung: „Willkommen in der schwärzesten Stadt Nordrhein-Westfalens“, sagte Bürgermeister Michael Kronauge (CDU). Denn eine deutliche Mehrheit wählt die Union: 77,7 Prozent waren es bei der Europawahl im Juni, das landesweit beste Resultat. Die SPD kam auf 8,9 Prozent. Im Stadtrat halten die Christdemokraten 16 der 20 Sitze. Die Hallenberger, „christlich geprägt und bodenständig“, würden förmlich „in die CDU hineingeboren“, sagt Kronauge. Die Stadt mit einer Arbeitslosenquote von rund 6,7 Prozent, mit Holzmöbel- und Felgenfertigung sowie einem Bob- und Rodelclub ist charakteristisch für den Hochsauerlandkreis, der westlich an Hessen grenzt. Der Kahle Asten, 841 Meter hoch, kriegt Winterfrost stets zuerst zu spüren. Die gängige Wahlprognose in diesem urwüchsigen Landstrich für die CDU lautet: 50 Prozent plus x.

„Tor zum Sauerland“ wird die frühere Stahl-Stadt Hagen genannt. Von hier aus in den Westen, mitten hinein ins nordrhein-westfälische Ballungsgebiet, wird es für die CDU kniffeliger. Zwar wurden bei der Europawahl rote Hochburgen wie Essen, Recklinghausen und auch Hagen geschliffen. Und mit einem landesweiten Ergebnis von 44,9 Prozent untermauerte die CDU im Juni auch ihre Favoritenrolle für die Landtagswahl 2005. Seit fast zwei Jahren rangiert die Partei in Umfragen bei solch hohen Werten.

Und doch warnt CDU-Landeschef Jürgen Rüttgers vor „zu viel Euphorie“. Denn die Zahlen sind trügerisch: Tatsächlich verlor die Union bei der Juni-Wahl fast 280 000 Stimmen. Sie profitierte von der niedrigen Wahlbeteiligung und der Schwäche der SPD. Rüttgers steht vor der Frage, wie die Union im Ballungsraum Wähler hinzugewinnen soll. Als Vorsitzender der CDU-Kommission „Große Städte“ ist er den Defiziten auf der Spur. Laut einem Zwischenbericht, der dem Handelsblatt vorliegt, hat die Union „zu lange Distanz gehalten zur großstädtischen Kultur und zum großstädtischen Lebensgefühl“. Sie habe sich „nicht in offenen Kreisen und Netzwerken“ bewegt, „sondern tendenziell autistisch im Raumschiff Ortsverband“.

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