SDP
SPD feiert Gründung ihres DDR-Ablegers

Heilige Eide und falsche Verbrüderungsfantasien: In Berlin feiert die SPD leise die Gründung der Sozialdemokratischen Partei der DDR. Dabei werden die Genossen von der Gegenwart eingeholt.
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BERLIN. Wolfgang Tiefensee steht auf der Bühne, hinter ihm das historische Bild vom 7. Oktober 1989. Es zeigt etwa 30 Männer und Frauen vor einem Hauseingang. Gerade haben sie im Pfarrhaus Schwante in Brandenburg die Sozialdemokratische Partei der DDR, SDP, gegründet. Gegen die Einheitspartei SED, für parlamentarische Demokratie, für soziale Marktwirtschaft soll sie kämpfen. "Der 7. Oktober war ein historisch bedeutsamer Neuanfang der Sozialdemokratie in der DDR", referiert Tiefensee.

Es könnte ein großes Fest für die Genossen sein. Doch nicht die SPD, sondern das Forum Ostdeutschland der Sozialdemokratie hat eingeladen. 100 Gäste sind da, viele spielten im Jahr des Mauerfalls eine wichtige Rolle. Doch die Hoffnungsträger von heute fehlen, etwa der Shooting-Star der Ost-SPD, Manuela Schwesig, und der als Hauptredner angekündigte Thüringer SPD-Chef Christoph Matschie.

Der 48-Jährige hat keine Zeit, in Berlin über "Die Ost-SPD im Jahr 2009: Herausforderungen und Ziele" zu sprechen. Denn die größte Herausforderung - die SPD zwischen Linksruck und Agenda-2010-Bewahrung auszutarieren - muss Matschie gerade selbst bewältigen. Es brodelt im Landesverband der Partei, weil Matschie mit der CDU koalieren will, die Basis aber mit der SED-Nachfolgepartei und den Grünen. Während Tiefensee den Thüringer im Berliner Abgeordnetenhaus entschuldigt, spricht der in Erfurt in die Kameras: "Wenn ein guter Koalitionsvertrag gelingt, wird es auch Zustimmung geben in den Reihen der SPD." Für Matschie geht es dabei längst um die eigene politische Zukunft. Am Samstag wollen seine Gegner einen Mitgliederentscheid gegen den Koalitionsbeschluss erzwingen.

Beim Festakt in Berlin springt Wolfgang Thierse für Matschie ein. Der hält sich nicht lange mit der Geschichte auf, sondern berichtet von einem Gefühl, das ihn seit der Bundestagswahl beschleicht: "Die DDR kommt wieder." Thierse war SDP-Chef; heute liegt die SPD im Osten nur noch auf Platz drei. Die Direktmandate teilen sich Union und Linkspartei. "Ich hoffe, dieses wahnsinnige Gefühl ist verständlich", sagt er.

War da nicht die Hoffnung, mit der Finanzkrise werde die SPD mehr denn je gebraucht? Die Partei dachte so. Oben. Nach dem Wahldebakel fordert Thierse Trauerarbeit, Analyse und vor allem Streit: "An Streitunterdrückung hat die Partei die vergangenen zehn Jahre gelitten, das hat sie krank gemacht." Und auch der Umgang mit der Linken. 1989 nahm die West-CDU die Genossen der Ost-CDU ohne Wenn und Aber auf. Die SDP aber wollte die SED-Kader nicht und verlangte vor der Mitgliedschaft eine Karenzzeit von mehreren Jahren. War das der Fehler, der die SED als PDS und dann als Linkspartei groß werden ließ?

Matschie sagt Nein. Er will nicht mit der Linkspartei regieren, weil das Vertrauen fehlt. 1989 trat er in die SDP ein, die damals als Pfarrerpartei verspottet wurde, weil zu den Gründern viele Theologen gehörten. Matschie ist Theologe - ebenso sein Pendant der CDU, Christine Lieberknecht. Beide verstehen sich gut.

Und wie geht die SPD 20 Jahre nach der Wende mit der Linkspartei um, die sich längst auch in den westdeutschen Parlamenten etabliert? Die SPD müsse selbst bestimmen, was links ist, sagt Thierse, sie sei die Partei der solidarischen Mehrheit. "Bitte keine überflüssigen heiligen Eide mehr, aber auch keine falschen Verbrüderungsfantasien." So hält es auch Matthias Platzeck, Ministerpräsident in Brandenburg. Er verhandelt mit Union und Linkspartei über eine Koalition. Am Montag legt er sich fest. Egal wie: Die SPD regiert außer in Sachsen in allen ostdeutschen Ländern. "Deshalb haben wir Anlass zu Selbstbewusstsein", sagt Thierse. "Gerade jetzt."

Dr. Daniel Delhaes
Daniel Delhaes
Handelsblatt / Korrespondent

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