Seit 100 Tagen im Amt
Die neue Heimat des Kurt Beck

Quasi aus dem Stand übernahm er das Amt des zurückgetretenen SPD-Parteivorsitzende Matthias Platzeck. Mit Lebensfreude und praktischer Vernunft leitet der SPD-Chef die Geschicke seiner Partei. Das überlagert noch die durchaus vorhandenen Schwächen des rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten – eine Bilanz nach 100 Tagen.

EMDEN. Die Sonne mag an diesem frühen Morgen den Kampf mit den grauen Wolken erst gar nicht aufnehmen. Unruhig schlagen braune Nordseewellen gegen den Bug der „Wappen von Borkum“. Doch an Bord herrscht beste Laune. Fast 300 SPD-Senioren haben kurz vor neun abgelegt, um bei Kaffee und Korn ihren Parteichef Kurt Beck hautnah zu erleben. „Schön, dass wir uns heute Morgen treffen“, begrüßt der Pfälzer die Parteifreunde und stimmt dann gemeinsam mit dem Seemanns-Chor „Störtebeker“ den „Hamborger Veermaster“ an.

Hier in Ostfriesland, schwärmt der bärtige Landmensch, sei man „stolz auf seine Heimat“ und wisse, „dass man füreinander da ist“. Ein solcher Gemeinschaftssinn müsse „unser Ziel sein für ganz Deutschland“.

Nach 90 Minuten legt das Schiff wieder am Ufer an. „Ahoi, Kameraden, ahoi!“ schmettert der Chor. „ Alles Guude, man sieht sich sicher mal wieder“, verabschiedet sich Beck. Und dem niedersächsischen SPD-Chef Garrelt Duin ruft der Ober-Genosse zu: „Das hat richtig Freude gemacht. Man merkt, dass die Leute mit vollem Herzen dabei sind.“

Die Bootsfahrt auf dem Dollart vermittelt einen ersten Eindruck von der Art, wie der rheinland-pfälzische Ministerpräsident die SPD seit 100 Tagen führt. Während Kanzlerin Angela Merkel nach längerer Abwesenheit in Berlin mit einer Pressekonferenz versucht, den Richtungsstreit in der CDU halbwegs zu kanalisieren, demonstriert Beck mit einer Norddeutschlandtour nicht ohne Hintersinn Präsenz an der Basis: In Niedersachsen werden in drei Wochen die Bürgermeister neu gewählt, in Mecklenburg-Vorpommern am 17. September der Landtag. Auf der „Wappen von Borkum“ schüttelt der SPD-Chef unzählige Hände, klopft Schultern, redet mit Funktionären und hört sich die Sorgen einer 87-Jährigen an, die vor Aufregung kaum einen Satz herausbringt. Er zwängt sich mehrmals vom überfüllten Ober- ins Unterdeck und zurück. Die Kapitänsbrücke aber interessiert ihn nicht.

Der Landesvater aus Mainz sei auf dem Berliner Parkett noch nicht angekommen, wurde in den vergangenen Wochen öfter moniert. Er habe Schwierigkeiten, sich durchzusetzen, und zeige zu wenig inhaltliche Perspektiven für die Sozialdemokratie auf. Den letzten Vorwurf versuchte Beck am Wochenende mit einem Thesenpapier unter der irritierenden Überschrift „Leistung muss sich wieder lohnen“ zu kontern. Dem ersten Eindruck ist er wesentlich erfolgreicher mit seiner frühen Festlegung auf einen begrenzten deutschen Beitrag zur Libanon-Friedenstruppe entgegengetreten.

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