Seit 1996 ist der Bürokratieaufwand fast um ein Viertel gestiegen
Kassen schieben Schuld der Politik zu

Vertreter der Krankenkassen haben am Wochenende der Politik entscheidende Mitverantwortung am Anstieg ihrer Verwaltungskosten zugewiesen, der seit mehr als zehn Jahren ungebremst anhält. „Es wird teurer, weil der Gesetzgeber uns immer neue Aufgaben übertragen hat,“ sagte der Sprecher der Betriebskrankenkassen (BKK), Florian Lanz, dem Handelsblatt.

BERLIN. So sei der Personalaufwand seit 1996 allein wegen des damals eingeführten komplizierten Finanzausgleichs zwischen den Kassen deutlich gestiegen. Seit dem Jahr 1996 erhöhten sich die Verwaltungskosten um 22 % auf 8,02 Mrd. Euro (2002).

„Es müssen jährlich neue Festbeträge für Medikamente, Heil- und Hilfsmittel ermittelt werden.“ Auch das in diesem Jahr erstmals angewendete neue Vergütungssystem für die Krankenhäuser gebe es nicht zum Nulltarif. Das gleiche gelte für die verschärften Kontrollen von Abrechnungsmanipulationen und vom Gesetzgeber neu eingerichtete Gremien wie den Koordinierungsausschuss. Letzterer soll die Arbeit der verschiedenen gemeinsamen Gremien von Ärzten und Krankenkassen koordinieren.

Die Pläne der Regierung, die Verwaltungskosten in Zukunft per Gesetz zu begrenzen, halten die Kassen daher für verfehlt. Sozialministerin Ulla Schmidt (SPD) hat ihnen für dieses Jahr eine Nullrunde verordnet. Ab 2004 sollen die Verwaltungsausgaben je Mitglied nur noch so stark steigen wie die Einnahmen.

„Wenn wir die neuen Behandlungsprogramme für chronisch Kranke machen, erhöht das die Verwaltungskosten. Auf lange Sicht sinken dadurch aber die Leistungsausgaben,“ bekräftigt Udo Barske vom AOK-Bundesverband. Das gleiche gelte für die integrierten Versorgungsnetze, die die Kassen ab 2004 nach dem Reformkompromiss zwischen Union und Bundesregierung verstärkt aufbauen sollen. Es sei daher schlicht eine Milchmädchenrechnung, die Effizienz der Kassen alleine an den Verwaltungskosten zu messen. „Jeder Euro, den wie einsetzen, um die Leistungsausgaben zu senken, ist nicht verschwendet.“

Die starken Unterschiede bei den Verwaltungskosten zwischen den Kassen werden durch solche Argumente freilich nicht erklärt. So liegt der Verwaltungskostenanteil der Betriebskrankenkassen, zu denen viele der so genannten Billigkassen gehören, mit 4,69 % deutlich unter der Durchschnittsquote von 5,58 %. Dagegen geben die großen Angestelltenkassen wie Barmer, DAK und TK mit durchschnittlich 6,44 % deutlich mehr aus. Im Vergleich dazu machen sogar die 17 Landes-AOKen mit 5,44 % eine gute Figur.

Betriebskrankenkassen sind im Durchschnitt billiger, weil sie weniger bis gar keine Filialen haben und auf Repräsentativbauten oder teure Büros in Innenstadtlagen verzichten. Dies bedeute aber auch weniger Service und Qualitätsmanagement, halten Orts- und Ersatzkassen dagegen. Sie haben in den vergangenen Jahren bereits tüchtig abgespeckt. So schloss die Barmer 169 Filialen und verabschiedete sich von 1 330 Mitarbeitern. Die TK will in den nächsten Jahren 1200 Jobs sozialverträglich abbauen.

Um die Nullrunde dieses Jahr einzuhalten, haben viele Kassen zu drastischen Maßnahmen gegriffen. Die TK vereinbarte eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit von 38,5 auf 35 Stunden bis 2007 ohne Lohnausgleich. Das beutet Lohnkürzungen um 9,1 %. Bei den Ortskrankenkassen gab es zwar mehr Lohn, doch gleichzeitig wird das Weihnachtsgeld um 10 % gekürzt. In Brandenburg und Berlin ermuntert die AOK ihre Beschäftigten auf Teilzeit oder Minijobs zu wechseln, um die Kosten zu senken. Schnelle Kostenschnitte verhindert aber oft das öffentliche Dienstrecht, nach dem die Mitarbeiter bezahlt werden.

Ein Problem kommt hinzu: Vor allem den verwaltungsintensiven Großkassen kehren wegen ihrer hohen Beitragssätze immer mehr Versicherte den Rücken und wechseln zur billigeren BKK. „Wir können unsere Kosten gar nicht so schnell senken“, stöhnt ein führender Ersatzkassenfunktionär, „wie uns die Mitglieder weglaufen.“

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