Selters statt Sekt
Union und SPD gehen nüchtern ans Werk

Die zweite große Koalition in der Geschichte der Bundesrepublik ist besiegelt: Union und SPD haben am Freitag ihren Koalitionsvertrag unterzeichnet. Hinterher tranken die Unterzeichner demonstrativ Sprudel oder Saft. Die Botschaft: Auch wir lassen den Schampus im Keller.

HB BERLIN. Nachdem sie den Koalitionsvertrag unterschrieben hatten, stießen die künftige Kanzlerin Angela Merkel, Vizekanzler Franz Müntefering, CSU-Chef Edmund, CSU-Landesgruppenchef Michael Glos, SPD-Chef Matthias Platzeck und seine Stellvertreterin Elke Ferner mit Wasser und Orangensaft auf vier gemeinsame Jahre an. Sie besiegelten damit die zweite große Koalition in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Doch der 191-seitige Vertrag ist „zunächst nur Papier“, wie Merkel sagte. Nun komme es darauf an, ihn mit Leben zu erfüllen.

„Michael, schau her, du kriegst ein Wasser“, rief Stoiber dem künftigen Wirtschaftsminister Glos (CSU) zu. Die kurze Feier ohne Pomp und Blumen im Paul-Löbe-Abgeordnetenhaus sollte versinnbildlichen, dass die Regierungsspitzen nicht nur den Bürgern zumuten, den Gürtel enger zu schnallen, sondern sich selbst von der neuen Bescheidenheit nicht ausnehmen. „Milch und Honig werden nicht fließen, aber gesundes Brot und ordentlicher Aufstrich werden da sein“, hatte der damalige SPD-Chef Franz Müntefering während der Koalitionsverhandlungen die finanzielle Lage der Bundesrepublik umschrieben.

„Ich will arbeiten, ich will was tun in den nächsten Jahren“, unterstrich Müntefering denn auch. Der neue SPD-Chef Matthias Platzeck nannte das Bündnis der beiden Volksparteien eine „Koalition der Verantwortung“, womit er noch einmal herausstellte, dass es sich nicht um eine Liebesheirat, sondern um eine Notlösung handelte. Mit „Fröhlichkeit und Leidenschaft“ will CDU-Chefin Merkel an die Arbeit gehen. Sie hob den Geist der „Ernsthaftigkeit, Entschlossenheit und Zuversicht“ hervor, der während der gemeinsamen Regierungsjahre herrschen solle.

Die 15-minütige Zeremonie, die Unterzeichnung des in schlichtem Blau eingebundenen Vertrages zeugte auch von der Vorsicht der beiden Koalitionspartner, die sich zwar in sechswöchigen Verhandlungen menschlich näher gekommen sind, zwischen denen aber immer noch 36 Jahre ideologischer Gegnerschaft liegen. Auch Merkel selbst scheint vom Gelingen des Projekts noch nicht hundertprozentig überzeugt. So betont sie seit dem erfolgreichen Abschluss der Koalitionsverhandlungen vor einer Woche stets, dass sie noch nicht zur Kanzlerin gewählt sei - so, als könnte bis kommenden Dienstag noch etwas schief gehen.

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