Senioren im Krankenhaus
Achtung Geriatrie!

Nur weil es von der Kasse mehr Geld gibt, werden immer mehr alte Menschen immer länger in Krankenhäusern behandelt. Der medizinische Nutzen sei zweifelhaft, warnt der neue Klinik-Report der Barmer.
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BerlinWer in den vergangenen Monaten einen Angehörigen im Krankenhaus besucht hat, dem wird es aufgefallen sein. In deutschen Krankenhäusern liegen immer mehr alte Patienten. „Da sieht man eben, wie schnell Deutschland altert“, ist die achselzuckende Reaktion vieler Klinikbesucher. Doch nun meldet die Barmer Ersatzkasse Zweifel an, ob alle diese Menschen tatsächlich ins Krankenhaus gehören oder nicht vielleicht besser mit einer Reha-Maßnahme in einer Kurklinik beraten wären.

In ihrem Bericht stellt die Barmer fest, dass immer mehr Kliniken eigene geriatrische Abteilungen haben. Die Zahl der Betten in diesen Fachabteilungen, so Boris Augurzky, Gesundheitsexperte vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (RWI), sei von 2006 bis 2015 um 55 Prozent gestiegen, von 11.000 auf 16.000. Die Zahl der Geriatrie-Patienten um 80 Prozent von 1,1 auf zwei Millionen. Besonders stark legte aber mit 180 Prozent die Zahl der über 70-Jährigen zu, die eine geriatrisch frührehabilitative Komplexbehandlung (GFKB) erhalten, also eine Therapie, die Patienten beispielsweise nach einem Oberschenkelhalsbruch wieder mobil machen soll. 

Hier stieg die Zahl der Patienten von 79.600 auf 222.600. Im Durchschnitt waren sie 84 Jahre alt. „Diese rapide Zunahme lässt sich durch die demografische Entwicklung nicht erklären“, so Barmer-Vorstandschef Christoph Straub. Er fürchtet, dass daneben auch die besonders gute Honorierung dieser Leistung durch die Krankenkassen zu dem Anstieg geführt hat.

Tatsächlich ist nicht nur die Zahl solcher Behandlungen stark gestiegen, sondern auch die Behandlungsdauer. Augurzky, der diese Entwicklung im Auftrag der Barmer untersucht hat, vermutet denn auch, dass die Leistungsausweitung vor allem Folge der Vergütungsregeln ist. Während das Krankenhaus für die meisten Leistungen nur eine sogenannte Fallpauschale erhält, die gleich hoch ausfällt, egal, wie lange der Patient dafür im Krankenhaus bleiben muss, richtet sich die Bezahlung der Komplexbehandlung nach der Behandlungsdauer: Kliniken können eine höhere Pauschale abrechnen, wenn der Patient länger als 14 Tage behandelt wird.

Und siehe da. Im Jahr 2006 wurden 58 Prozent der GFKB-Patienten nach 14 Tagen entlassen. Im Jahr 2015 waren es bereits 75 Prozent. Parallel dazu sank der Anteil sowohl der siebentägigen als auch der 21-tägigen GFKB-Anwendungen deutlich. „Aus rein medizinischer Sicht darf man zumindest ein großes Fragezeichen hinter diese Praxis setzen“, sagte Straub. Er fordert von der Politik eine Änderung der Vergütung. Nur so sei sicherzustellen, dass sich die Dauer der Behandlung nach dem Bedarf des Patienten und nicht nach dem „Geldbedarf“ der Klinik richtet.

Noch schwerer wiegt, dass die Heilungschancen bei einer frühzeitigen Reha durchweg besser sind. So beträgt die Wahrscheinlichkeit, nach einem Oberschenkelhalsbruch dauerhaft auf Pflege angewiesen zu sein, bei Reha-Patienten 40 Prozent, bei GFKB-Patienten aber 47 Prozent. Bessere Heilungschancen gibt es außerdem, wenn man in einer großen Klinik mit mehr als fünf Fachabteilungen behandelt wird. 

Hier ist das Risiko, am Ende im Pflegeheim zu landen, um sechs Prozentpunkte vermindert. „Geriatrie-Patienten sollen nach Möglichkeit an größeren, multidisziplinär aufgestellten Krankenhäusern behandelt werden. Dort haben sie bessere Chancen, wieder auf die Beine zu kommen, um noch lange in ihren eigenen vier Wänden leben zu dürfen“, sagt Augurzky.

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