Serie: Die Zukunft der Arbeit
Der Mythos vom flexiblen Arbeitnehmer

Mobilität und Flexibilität sind für die meisten Deutschen ein Fremdwort. Weiterbildung und Jobwechsel standen in der Vergangenheit schon mal höher im Kurs als heute. Dabei sind es genau solche Dinge, die essentiell für das Bestehen auf dem Arbeitsmarkt sind. Eine Handelsblatt-Serie über die Arbeitswelt von morgen und übermorgen.

BERLIN. Annette R. (39) arbeitete drei Jahre in ihrem Beruf als Hotelfachfrau, bevor sie eine Ausbildung zur Wirtschaftskorrespondentin begann. Der Sozialwissenschaftler Jörg C. war 45, als er anfing, Medizin zu studieren; heute ist er niedergelassener Arzt. Christine G. (42) war viele Jahre Stewardess, studierte nebenher BWL und arbeitet heute als freie Medienberaterin. Claus B. war Journalist, bevor er mit 38 auf Hubschrauberpilot umsattelte.

Die vier haben in ihrer Biographie die unterschiedlichsten Lebenszyklen aneinander gereiht – und sind damit Exoten: Denn allem Gerede von der zunehmenden beruflichen Mobilität zum Trotz halten es die meisten Deutschen mit dem Spruch vom Schuster, der bei seinem Leisten bleibt. Im Vergleich zu den ersten Jahrzehnten der Republik hat die Flexibilität sogar abgenommen. Auch Weiterbildung war schon mal stärker im Trend. Der viel beschworene flexible Arbeitnehmer, der immer dazu- und auch umlernt – er ist ein moderner Mythos.

Doch genau das ist das Problem. Denn es gibt keinen Anlass zu vermuten, dass Flexibilität in der Arbeitswelt der Zukunft nicht mehr zählt. Weil die nachwachsenden Generationen schrumpfen, wird das Reservoir, aus dem Firmen qualifizierte Mitarbeiter auswählen können, kleiner. Hinzu kommt, dass die Zahl der Bewerber ohne Schul- oder Berufsabschluss steigt. Umso wichtiger wird es für die qualifizierten Kräfte, sich flexibel auf die Anforderungen der Unternehmen einzustellen.

Nach einer Erhebung des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) und des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hatte zur Jahrtausendwende jeder dritte bereits einmal den Beruf gewechselt, davon neun Prozent mehrmals. Gegenüber 1991 gab es so gut wie keine Veränderung, die Anteile der Wechsler waren gleich geblieben. Blickt man noch weiter zurück, zeigt sich gar eine abnehmende Mobilität: 1979 gaben noch 37 Prozent einen Berufswechsel zu Protokoll.

Dieses erstaunliche Ergebnis erklären die Forscher mit den Umbrüchen der Nachkriegszeit: Damals wurden weite Teile der Bevölkerung gezwungen, von der Landwirtschaft in die Industrie zu wechseln. Der Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft hingegen läuft offenbar weit sanfter beziehungsweise innerhalb der Berufe ab.

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