Serie: Ökonomische Wochenschau
Die Lederberge des Generals

Obwohl er dem gestrengen Ordnungspolitiker Ludwig Erhard nicht passte: Der Marshallplan war ein Geniestreich – auch wenn er manchmal etwas zu viel des Guten brachte. Dem amerikanischen Ex-General und damaligen Außenminister brachte er den Friedensnobelpreis ein.

HB BERLIN. Zornig und verärgert ist George Marshall, als er am 28. April 1947 sein Büro im State Departement zu Washington betritt. Seit ein paar Monaten erst ist Marshall US-Außenminister. Aber wie kaum ein anderer kennt der Ex-General den europäischen Kriegsschauplatz. Zwei Jahre zuvor hat Großbritanniens Premierminister Winston Churchill den 66-Jährigen noch als „wahren Urheber des Sieges“ über die Nazis gepriesen.

Nun laufen die USA Gefahr, diesen Sieg zu verspielen, befürchtet George Marshall.

Der Minister kommt gerade aus Europa. Er hat die Trümmer gesehen, das Leiden, die Armut, die der Krieg hinterlassen hat in Deutschland und anderswo. Wenn wir nicht aufpassen, dann „geht Europa vor die Hunde“, warnt Marshall all die Zweifler in Washington, denen die Hilfsleistungen für die einstigen Feinde jetzt schon zu teuer sind. Und: „Der Patient Europa liegt im Sterben, während die Ärzte noch immer beraten.“

Und der Ex-General, der im Ersten Weltkrieg schon in Frankreich kämpfte, denkt strategisch. Die wirtschaftliche Misere macht die Bevölkerungen Westeuropas nach Marshalls Analyse anfällig für den Kommunismus. In einer Rede an der Harvard-Universität einen Monat später spricht Marshall viel von Wirtschaft, denkt aber an Politik: „Alle, die es darauf abgesehen haben, das menschliche Elend zu einem Dauerzustand zu machen, um in politischer oder anderer Hinsicht Nutzen daraus zu ziehen, werden auf den Widerstand der Vereinigten Staaten stoßen.“

Gemünzt sind solche Sätze auf die Herrscher in Moskau.

Besonders für Westdeutschland entfaltet der gigantische Hilfsplan, der Marshalls Namen trägt und ihm 1953 den Friedensnobelpreis beschert, eine politische Wirkung, die die Bundesrepublik bis heute prägt. Ratifiziert wird das Marshallplan-Abkommen vom Bundestag am 26. Januar 1951. Es ist der erste staatsrechtliche Vertrag der jungen Republik – und einer ihrer wichtigsten.

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